Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 18 (1915)
- Issue
- 3-4 (1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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- 62 — Pönem1) und zwar so laut, und macht sich über den Seideu lustig. Was wars? Nun ein Sched2) ist es gewesen. II. Schmalzgießen. Wenn man Schmalz gießt, muß man immer hinter einander weggießen und darf sich nicht unterbrechen. Man darf ja nicht sagen, daß der Topf bald voll ist. Sonst hört es auf. Als meine Mutter noch ein Kind war, ein kleines Kind, da hat mal die Großmutter Schmalz eingegossen. Mit einem Male merkt sie, wie von oben ein kleines Händchen runter langt nach dem Schmalz, — ein ganz kleines Händchen. Hat sie schnell ein kleines Grriewechen3) genommen und reingesteckt. Ist das Händchen damit nach oben verschwunden. Nun konnte sie Schmalz gießen ohne Aufhören. Ein Topf war voll, hat sie den zweiten rangeriickt, dann den dritten, den vierten, es hat garnicht aufgehört. Sie hat ein ganzes Haus damit voll gießen können. Meine Mutter, die damals noch ein kleines Kind gewesen ist, hat zugesehen und mit einem Male gesagt: „Der Topf ist gleich voll!" Augenblicklich hat es aufgehört zu gießen und nu wars alle. Die Mutter sagte: „Ich bin damals noch ein dummes Kind gewesen, da habe ich gesagt, da hat es aufgehört!" Sonst hätte es gar nicht aufgehört. Wo das war? In Lubrö'entz. So nennen es die Juden. Auf polnisch heißt es Lubranetz, und es liegt bei Wloclawek auf dem Lande. III. Gottesdienst der Geister. Kennst Du die Geschichte vom Szeliches4) aufstehen? Nein, du kennst sie nicht? Nun gut. Eine Jidene5) hat gewollt zu Szeliches aufstehen. Sie hat aber Angst gehabt, daß sie verschlafen wird. Sie hat sich große Sorgen deswegen gemacht und hat erst gar nicht zu Bett gehen wollen. Vielleicht vergißt der Schammes6) zu Schul zu kloppen7), vielleicht wird sie so müde sein und so fest schlafen, daß sie das Kloppen nicht hört. Schließlich ist sie doch zu Bett gegangen. Und sie ist eingeschlafen. Also sie muß •doch früh aufstehen. Zu Szeliches steht man schon um 2 Uhr auf. Wie sie nun schläft, hört sie Klopfen an die Tür und man sagt: „Es ist Zeit nach Schul zu gehen, Szeliches zu sagen." Sie zieht sich schnell an. und wie sie raus kommt, sieht sie da einen Juden, der mit ihr nach Schul geht. Sie geht oben in die Frauenschul, er unten in die Schul. Mit einem Male wird es ihr so ängstlich. -Sie bemerkt, daß sie in der Frauenschul noch ganz allein ist. ') Gesicht. 2) . Geist. 3) beim Schmalzausbraten gebratenes Hautstückchen. 4) Bußgebete. 5) Jüdin. 6> Synagogendiener. 7) Klopfen. In kleinen Orten weckt der Synagogendiener die Genieindemitglieder zum Frühgottesdienst durch Klopfen an die Tür oder die Fensterläden.