Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 18 (1915)
- Issue
- 1-2 (1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 19 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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— 19 — 12. Simchath-Tora-Mahl. Am Torafeste werden bekanntlich drei „Bräutigame" (c h a t"h a nn i m) mit der Tora „vermählt", eine Ehrung, die nur den Gelehrten und Vornehmsten der Gemeinde zuteil wird. Auch die Bedachten, fühlten sich natürlich sehr geehrt, und somit leisteten sie die damit verbundenen Ehrenpflichten willigen Herzens und nicht als Opfer, das ihnen auferlegt wurde. Schon bei Isaak Or Zarua (2, 138 b) findet sich der Vermerk, dass in Sachsen die Tora- Bräutigame eine wahrhafte „ssude" zu veranstalten pflegen, zu der sie viele der Gemeindeglieder einladen, indem sie ihnen feine Speisen, wie Gänse und Hühner, vorsetzen.84) Aus einem Wormser Minhag-Buch85) geht Folgendes hervor: In Worms wurden zu Bräutigamen nur neuvermählte Männer zugelassen, und die Mahlzeit wurde im „Brauthause", hinter der Synagoge, abgehalten. Der Junge als schammasch (Tempeldiener) rief in der Judengasse?ais: chossen ün kalle ünter dos Bräuthaus fihren! Da kamen c h't h a n t h o r a und c h. b'r e s c h i t h samt ihren Damen, begleitet von ihren Freunden und Verwandten, ins Brauthaus, kostbares Obst mit sich führend, das sie auf die Tafel zu setzen gedachten, doch auch, um sie vor dem Brauthause unter die Knaben zu werfen, die sie mit grossem Gejohle aufläsen. Desgleichen kamen zwei Almosenvorsteher mit schönem Obst und setzten es auf die Tafel. Eine Christin, die einmal Zeugin dieser Lustbarkeit war, hatte daran so grossen Gefallen, dass sie ihren neben dem jüdischen Friedhofe gelegenen Obstgarten testamentarisch der jüdischen Gemeinde vermachte, mit der Verfügung, dass für ewige Zeiten die für die Simchath-Tora-Tafel bestimmten Früchte von diesem Garten geholt werden sollen und dass sich auch die Knaben unter dem Brauthause gerade mit diesen Früchten bewerfen sollten.86) Die Bräutigame und ihre Gäste setzten sich an die Tafel, an ihrer Spitze der Gemeinderabbiner und die übrigen Rabbis, und, die keinen Platz fanden, standen rings umher. Wer Wein in seinem Keller hatte, steuerte davon ganze Krüge bei, in erster Reihe die Bräutigame selbst, und so ass und trank man in grosser Freude, und es wurde im Hofe vor dem Brauthause ein grosses Feuer angemacht, um das herum die Bräutigame, die Hausväter, ja selbst der Rabbi zu Ehren der Tora Tänze aufführten und Wein tranken.87) Von späterer Hand wird noch die Notiz beigefügt, dass später, als R. Josua Falk (p'n e j'h o s c h u o sich einige Zeit in Worms aufhielt (16. Jh.), dieser befahl, an dem Feuer (damit es am Feiertage nicht nutzlos angezündet sei) irgend eine Speise zu bereiten, und so wurde Kaffee88) dabei gesotten, den auch der Rabbiner unter grosser Belustigung trank.89) Nach diesen Berichten waren die vom c h't h a n t h o r a und c h. b'r e s c h i t h gegebenen Gastmahle auf den Nachmittag des Torafestes gesetzt; in vielen Gemeinden jedoch verläuft das Mahl 84) Vgl. Tur 0. Ch. § 669. 85) Auszüge bei Epstein in Kaufmann-Gedenkbuch S. 312 f. 86) Der Garten ging später infolge von Kriegswirren ein. 87) Die Analogie des Feuerhüpfens der Jünglinge am Purim (Raschi b. Sanh. 64b) findet man das. vom Herausgeber bereits angemerkt. 88) „Bohnenkörner, die Kaffee heissen", Kaffee, Thee, Zucker s. unter andern in A. Danzigs Chajje Adam § 16. 89) Vgl. Berliner in Jahrb. 1910, S. 210.