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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1915-01-01 · 1-2 (1915) · p. Seite 11

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
18 (1915)
Issue
1-2 (1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 11 (sequence 13)
Language
German
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— 11 — Apfel, den man zu essen empfiehlt, dient übrigens auch vermöge seiner runden Form als gutes Omen, und vielleicht war ursprünglich auch das Essen eines Kopfes so gemeint. Das fette Fleisch aber müssen wir allem Anscheine nach auf die fette Gans beziehen, denn auch hier nomen est omen! Der entsprechende Jargonspruch lautet hochdeutsch: Das Jahr soll uns ganz beschert sein, und die Gesundheit und das Einkommen52) sollen sich uns mehren. Da diese „ominösen" Neujahrsartikel, wie gesagt, schon im Talmud einen Platz gefunden, so ist es sogar nicht ausgeschlossen, dass hierin eine römische Sitte nachwirkt, was sich freilich unsere Frommen gar nicht möchten träumen lassen. Die Römer pflegten sich am 1. Januar als Geschenke sogenannte strenae53) zuzuwenden: omnis boni gratia (um alles Guten willen), und darunter figurieren auch Süssigkeiten (Ovid, fast. 1, 185) und Gold¬ oder sonstige Münzen, und diese letzteren galten als das beste Omen, wohl infolge ihrer runden und rollenden Natur.53) Wie ich nachträglich sehe, hat mir der vielbelesene M. Grünbaum51) einen Teil dieser römischen Parallele schon vorweg genommen; auch bemerkt er ferner: „Dieselbe Vorstellung liegt dem von Xazwini erwähnten Gebrauch der Neujahrssüssigkeiten . . . zugrunde, und dass der am Morgen des Nairuz55) genossene Zucker als gute Vorbedeutung betrachtet wird." Angesichts dieser auf Persien hinweisenden Sitte darf es hervorgehoben werden, dass auch das oben berührte Verzehren eines Tierkopfes,56) speziell eines Schafkopfes, zuerst in Babylonien aufgekommen ist, wie die Gaonen, an ihrer Spitze R. Natronai, ausdrücklich melden.57) Sie sind auch die Ersten, die von dem Brauch des Kapparoth-Schlagens am Vorabend des Versöhnungstages sprechen, doch hat sich, trotz der in manchen Volkskreisen diesem Brauch beigelegten Wichtigkeit, irgendein fester Brauch in der Anordnung und im Verspeisen der Kapparoth-Hühner nicht ausgebildet, und was den Kopf der also gebrauchten Tiere anlangt, weit entfernt, ihn als Symbol auf den Tisch zu bringen, verwirft ihn geradezu die jüdische Hausfrau, ihn mitsamt dem Gekröse, oder verschenkt sie an Arme, ein Vorgehen, das zwar der tiefsinnigen Begründung nicht entbehrt, das ich aber in erster Reihe dennoch auf ein „Küchenmoment" zurückführen möchte, indem es nämlich bei der gewöhnlich grossen Zahl der Kapparoth-Hühner der am Rüsttage des grossen Festes stark beschäftigten Hausfrau unmöglich ist, die minderwertigen Gliedmassen gehörig zu „putzen". Doch, mit diesen Betrachtungen sind wir unversehens bereits zu den Riten des Versöhnungstages gekommen, die eine eigene Rubrik verdienen. ß2) prnsh. 52) Was strenae sind,weiss man nicht recht; sie sollen Lorbeerzweige gewesen sein. 53) Belege s. bei M a r q u a r d t, Das Privatleben der Römer, 2. Aufl., S. 252. 54) Ges. Aufs, zur Sprach- und Sagenkunde S. 226. 65) So heisst das persische Neujahr. 5Ö) Im Talmud (s. Margo b. Horaj. 12a) schwankt die LA. zwischen „Sehen" und „Verzehren" eines Kopfes, und erwähnt ist nur das Huhn, nicht etwa ein Schaf. „Köpfe von Schafen" nennt Hai Gaon in Responsen der <jaonim ed. J. Musafia (Lyok 1864) Nr. 8. 57) Siehe Zschr. h e - C h a l u z 10, 92.

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