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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1915-01-01 · 1-2 (1915) · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
18 (1915)
Issue
1-2 (1915)
Date
1915-01-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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— 8 — Rheingegend anzusehen, jener alte Sitz der fränkischen und deutschen Judenheit, in welchem französisch und deutsch neben einander gesprochen wurde und von welchem ein kräftiges jüdisches Leben in alle Lande ausgegangen war. Wohl nur wenigen in unserer Mitte ist bekannt, dass dem deutschen Schalet bei den spanischen Juden das Wort und der Begriff ani (anida, adafina) entspricht.39*) Dieses Ani spielt eine Rolle in der Leidensgeschichte der Marannen; der arme Zwangstäufling, der sich am Sabbat des Ani bediente, war in den Augen der gestrengen Inquisition mit Recht des Judaizierens verdächtig und verfiel den ärgsten Strafen. Das Ani, so heisst es in einer diesbezüglichen Unterweisung, besteht aus garbangos, einer Art grober Bohnen, die in Spanien häufig angebaut werden; man gibt sie in das olla genannte Nationalgericht, in welchem sich fettes Fleisch und harte Eier befinden, und es entsteht ein dem französischen h a r i c o t entsprechendes Ragout aus Bohnen, Hammelfleisch und Rüben usw. „Dieses Gericht, so heisst es, kocht in der Nacht von Freitag auf Sonnabend und bleibt in dem Napf bis Sabbat Mittag warm.'' Adafina (nicht d a f i n a) ist ein spanisches Wort, welches eben Ragout bedeutet; ani oder anida hingegen stammt möglicherweise aus rabbinisch-hebr. chmmin, d. i. warme Dinge, in erster Reihe warmes Wasser, das man in alter Zeit40) selbst am Sabbat nicht entbehren mochte und daher trotz des Kochverbots künstlich bereit zu halten verstand. Also ein c a 1 i d u m in anderer Gestalt.40a) Der Grundgedanke des Schalet in allen seinen Formen ist natürlich der, dass man sich am Sabbat trotz des Feuerungs- und Kochverbotes ein schmackhaftes, warmes Gericht sichert. Aber wie das ganze sabbatliche und feiertägige Menu des Juden, wovon bereits Proben gegeben wurden und noch gegeben werden sollen, ist auch der Schalet zugleich ein Symbol, eine Erinnerung an die Vorgänge beim Falle des Manna, das man Freitag in doppelter Ration sammeln und für den Sabbat aufbewahren konnte, „ohne dass es stinkend geworden oder vom Wurm betroffen worden wäre" (II. B. Mos. 16, 24). Nun hatte aber das Manna das Aussehen von Koriandersamen — daher die Bohnen im jüdischen Menu; es schmeckte wie Kuchen in Honig gerührt — daher unser „Kugel". Auch die „Fritteln", die man in Mähren aussertourlich am Sabbat isst, eine Art Oblaten,41) erinnern vermöge ihrer Zusammensetzung an das von einer Tauschicht bedeckt gewesene Manna. So verhält es sich wohl auch mit dem bei den Juden so beliebten „Färbel" (= Kaiserschmarren) [s. weiter u.], das wieder an den Koriandersamen er- 39a) S. darüber M. Kayserling in JE 1, 604, unter Bezugnahme auf R E J 18, 374 und 27, 267 (an letzterer Stelle Nachrichten aus der Geschichte der Inquisition). 40) Talm. Arch. 1, 79 und sonst (s. Register). 40a) In der Tat versichert mir Herr M. P a p o , Chacham der türkischen Juden in Wien,, dass bei den Spagniolen heute noch unser „Schalet" einfach chmmin heisst. Wie ich mir irgendwoher notiert habe, heisst „Mittag" auch „Warmes"; mhd. warmmuos cibi ex oleribus. Die Schaleteier nennen die Spagniolen huevos inhaminadas gewärmte Eier. 41) Vgl. Q. Deutsch in der von ihm herausgegebenen Zeitschr. Deborah (Cincinnati 1901) 1, 358.

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