Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 18 (1915)
- Issue
- 1-2 (1915)
- Date
- 1915-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 7 — Speise auch am Pesach hervorzuzaubern (Mazzekugel,, Chimzel).32) Nach einer Definition des um die Volkskunde der russischen Juden recht verdienten Dr. S. Weissenberg33) ist die „Kigel" eine Art Pudding, wird aus Mehl und Nudeln, aus Eiern und Fett zubereitet und enthält manchmal im Innern eine mit Fleisch und Fett gefüllte Qänsehalshaut. Diese gefüllte Gänsehaishaut ist als leckere sabbatliche Schaletspeise auch mir bekannt, doch wird sie in Ungarn in die aus Bohnen und Qerstl bereitete echte Schaletspeise,34) Ritschet genannt, getan, gehört also nicht zur Kugel. Diese ist vielmehr, wie sie auch Weissenberg in einer Variante kennt, nur eine süsse Mehlspeise, die zuweilen mit Reis, Zimmt und Rosinen zubereitet wird. Rosinen und Zucker werden namentlich zu Simchath- Tora undPurim, wie auch zu sonstigen grösseren Banketten (Ssudes), bekantlich auch zu den oben geschilderten geflochtenen „Berches" genommen, und vornehmlich dieses süsse Weissbrot ist es, mehr als das gewöhnliche „Berches", das im südrussischen Jargon „koiletsch",35) aber auch bei den ungarischen Juden „kaläcs" heisst, wobei letzteres gar kein Jargonwort, sondern echter Bestandteil der magyrischen Sprache ist, so jedoch, dass es erkennbar slavisch klingt. Die „Kugel" jedoch stammt gewiss aus dem Germanischen, und so sind nach unserer Annahme an den Bezeichnungen von drei Sabbatspeisen drei Hauptfamilien der europäischen Sprachen beteiligt: berches ist romanisch, koiletsch ist slavisch, kigel ist deutsch. Diese Feststellung ist gewiss von Interesse. Hier schliesst sich von selbst an die Untersuchung über das viel gebrauchte, aber noch immer dunkle Wort Schalet (scholent, scholet, schulet usw.). Folgende Etymologien sind mir darüber bekannt geworden: 1) „Schul Ende", d. i. diejenige Speise, die man am Sabbath Vormittag isst, wenn die „Schul" (= Synagoge) zu Ende ist; 2) hebr. schln „was (im Ofen) über Nacht geblieben ist (um warm erhalten zu werden), versehen mit der deutschen Nominalendung t; 3) altfr. cho 11 chauld warm;36) 4) span. escallento warm;37) 5) franz. c e 1 e r bergen;38) 6) franz. c h a 1 o i r , part. c h a 1 a n t Wärmer.30) Die meiste Beachtung verdient noch immer die Ableitung von lat. c a 1 i d u m warm bzw. von dessen romanischen Formen, und als Heimatsort des Schalet ist etwa die 32) Sogar in Paris; s. Österr. Wochenschr. 1905 S. 426. 33) Speise und Gebäck bei den südrussischen Juden, Globus Bd. 89, 1896, S. 25—30 (mit Abbildungen); eine Bemerkung zu seinen Ausführungen über „Vogelgebäck44 s. das. S. 221 f. von M. H ö f 1 e r. 34) Auch in J E 4, 255 wird „Kugel44 mit dieser Bohnenspeise vermengt 35) Aus J E 4, 257 „cookery" erfahre ich, dass man statt „koilitch" auch „kidke" sagt; letzteres soll, nach Versicherung mehrerer von mir befragter Leute, immer geflochten sein. 36) Alles zu finden in J E 4, 255 f. Vgl. I. A b r a h a m s, The Jewish Life in the Middle Ages, S. 151. 37) Meine Vermutung. 3S) Die Erklärung c e 1 e r folgert J. W e 11 e s z (in M Q W J 48, 144) aus dem Umstände, dass in Isaak Or Zarua 2, 6 b, in einer Nachricht aus Paris, die Form?lnt und die Erklärung tmun steht. Meines Erachtens gibt tmun den Begriff nur im allgemeinen, nicht aber wörtlich wieder, und q 1 n t ist nur schlechte Schreibung für s c h 1 n t. 3Ö) B r a n n in einer kurzen Anmerkung zu der von W e 11 e s z vertretenen Ansicht a. a. O.