Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 15 (1912)
- Issue
- 3 (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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— 90 - einer in der Gemeinde zu Geld. Seine erste Kundgebung war: „Heuer werde ich die Haftara1) zu Mineha leimen.'* Zwischenträger spitzten die Sache zu. Zur Zeit begann der Wettkampf unter allgemeiner Spannung. Einer überbot den andern, keiner gab nach. Man blickte entsetzt auf den Rabbiner. E9 wird spät. Da sprach der Vornehme so laut, daß man es im äußersten Winkel der Frauengallerie hörte: „Schammas, gehet hin und fraget ihn, was ganz ./Hoidel, Boidel" wert ist. Ich gebe das Doppelte für die Mizwa. Und nehmet aus." Die einen besprechen sich Ben kese Tasor2) und reisen in Gesellschaft zu Fuß zum Rabbi. Die anderen „dingen" gemeinsam einen Einspänner und fahren hin. Wer dort über Schabbat schuba3) bleiben, wer dort Schirajim4) „eharen" kann.1 Täglich tauchen andere Fremde in der Gasse auf. Leute, die in die Ferne gezogen siud. kehren »heim zum Besuche der Gräber ihrer Teuern. Dies bildet das Haupteinkommen vieler braven Leute in der Kehilla. Nach dem Morgengottesdienste läßt sich der und jener in einem Xehenraunie der Tempelvorhalle Malkut*') schlagen. Dort konstituiert sich ein Bet diu*) zu Hafarat nedarim7). Feinde söhnen sich aus, Kinder gehen in steifer Würde von einem M'sehubbad**) zum andern, von einem verschämten Armen zum andern. Die offenkundigen Armen geben einer dem andern die Klinke. Und all das Treiben wird übertönt von Hühnergegacker. Und an Ereb Jomkippur Nachmittag sitzen in der Tempelvorhalle die Vorstände der verschiedenen Vereine. Bevor jemand hineingeht» sein Sündenbekenntnis vor Gott abzulegen, erlegt er hier seine Schuld an die Gemeinde und die Vereine..... ...Jeleku michajil el chajilutJ). Kaum hat einer nach dem Versöhnungstage etwas zu sieh genommen, nimmt er den Platz für die Sukka in Augenschein. Er mißt ihn mit einem Ernste, als ob er ihn heute zum ersten Male sehe. Waren sie am Versöhnungstage Musiker und Sänger gewesen, so werden jetzt alle Baumeister. Es stellt ein jeder eine Sukka auf. Er möbliert sie. In eine solche mit verschiebbarem Dache kommt auch ein Bett, das S'chach10) besorgt der christliehe Nachbar, der die Bräuche der Juden sehr gut kennt und sie achtet, solange er nicht vom Judenhaß augesteekt wird. Die Buben laufen mit zerrissenem Gesichte, zerrissenen Händen und zerrissenen Hosen umher. Das» J) Der die „Haftara4*, den Abschnitt aus den Propheten, vorträgt. *) Zwischen Kosch haschana und Jomkippur. s) Zwischen Rosch haschana und Jomkippur. 4) Speisereste von der Tafel des Rabbiners. 6) Bußegeißelung. •1 Religiöses Gericht. 7) Annullierung von Gelübden. *) Gemeindeangestellter. •) Psalm 84,8 in der Auslegung: „Sie eilen von einer religiösen Handlung zur anderen.1* ,0) Dach der Laubhütte.