Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 15 (1912)
- Issue
- 1 (1912)
- Date
- 1912-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2638044-2638063-2638064--1210-2638868- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ober ßoschhaschune halten mir. Ober Schabbes zihen mir. Ober Tfilin trugen mir. In der Synagoge gebt es bei den Hakutes ziemlich bunt zu, indem die Kinder mit ihren Fahnen, auf denen Kerzchen brennen, die lärmenden Männer, der singende Vorbeter und die kichernden jungen Mädchen und Frauen, die ausnahmsweise an diesem Tage Zutritt in den Männerraum der Synagoge haben, sich der uneingeschränkten Freude und Fröhlichkeit hingeben. Manchmal kommt es aber auch zu höchst unangenehmen Vorfällen und sogar zu Schlägereien, wenn sich nämlich jemand durch das seiner Meinung nach nicht rechtzeitige Aufrufen zu den Hakufes beleidigt wähnt und gegen den Gabe zu Schimpfereien oder zu noch ärgeren Wutausbrüchen sich hinreißen läßt. Ueberhaupt ist Ssimchat Thora die Zeit, zu der mit einem unbeliebten unpopulären Vorstande abgerechnet wird. Wenn aber alles glatt und zur besten Zufriedenheit der Gaboim abläuft, wird auch nach der Synagoge bei einem von ihnen bis spät in die Nacht bei Speise und Trank die Zeit verbracht. Eine sehr interessante Zeremonie findet vormittags in der Synagoge statt. Am Tage der Gesetzesfreude gelangt nämlich zur Andeutung des Zyklus der sich alljährlich wiederholenden Vorlesungen aus dem Pentateuch dessen letzter Abschnitt sowie dessen erstes Kapitel zum öffentlichen Vortrag. Zur Vorlesung dieser Teile geladen zu werden gilt als besondere Ehre, die meistens wirklich ehrenhaften und gelehrten Leuten erwiesen wird. Der zum Schlußteil geladene heißt Bräutigam der Thora. der zum Anfangskapitel geladene nach dem ersten Worte der Bibel: Bräutigam von B'reschit. Wohl als Folge dieser Benennungen entstand die Sitte, die betreffenden Abschnitte unter dem Traubaldachin vorzulesen, der gewöhnlich durch einen Gebetmantel, der die ganze Gruppe zudeckt, improvisiert wird. Bei den letzten Worten des Pentateuchs erschallt seitens der ganzen Gemeinde das übliche: chasak, chasak w'nitchasek (mutig)! Bei der Vorlesung des ersten Kapitels werden die Schlußverse für jeden Schöpfungstag von allen Anwesenden laut wiederholt, so z. B.: Und es war Abend und es war Morgen: ein Tag usw. Früher, als die Regierung in ihrer Verfolgungswut noch nicht soweit ging und das gemeinsame Beten in Privathäusern nicht verboten war, borgten sich angesehene ältere Leute eine Thorarolle aus der Synagoge und luden ihre Bekannten zur Thoravorlesung zu sich nach Hause ein, worauf die Gäste mit ihren Kindern bewirtet wurden. Zum Mittagstisch kommt gewöhnlich gehacktes Fleisch, in Krautblätter eingehüllt (Golubzi).