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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1912-01-01 · 1 (1912) · p. Seite 8

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
15 (1912)
Issue
1 (1912)
Date
1912-01-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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— 8 — Hosehanoth-Umzüge ganz außer Mode gekommen, indem meistens nur der Vorbeter sich dabei seines Lulabhs bedient. Wie prächtig und eindrucksvoll scheinen dagegen die Unizüge in nicht sehr weit zurückliegender Zeit gewesen zu sein, wo die ganze Gemeinde mit den Sträußen in den Händen sich dabei beteiligte, wenn man älteren Stichen Glauben schenken darf. Hoschanah rabba ist der letzte Tag, an dem der Segensspruch über dem Feststrauß gesprochen wird, weshalb es vorgezogen wird dies in der Synagoge selbst zu tun, wobei eine kleine Münze für die Synagogendiener gespendet wird. Für diesen Zweck wird nach dem Morgengebet eine längere Pause eingeschaltet und auf der Biniah, wo sich einer der Synagogenvorsteher befindet, wird der Ethrog mit dem Lulabh und ein Teller hingestellt. Die Gemeindemitglieder wandern hinauf, sprechen den Segen, legen ihre Münze hin und werden vom Gabaj beglückwünscht. Wer sein Schicksal erfahren will, der gehe um Mitternacht gegen Hoschanah rabba in den Hof hinaus und beobachte seinen Schatten. Ist dieser sichtbar, so steht ein glückliches Jahr bevor, anderenfalls wird die betreffende Person im Laufe des Jahres sterben. Schon mit Tagesanbruch herrscht zu Hoschanah rabba auf dem Synagogenhof reges Leben. Da dieser Tag als lelzter Gerichtstag gilt, so ist es Sitte, an ihm Almosen zu verteilen, was alle professionellen Bettler sowie auch sonst heruntergekommene Leute gewissenhaft auszunutzen verstehen, indem sie sich im Synagogenhof versammeln und die zum Gebet Kommenden mit ihren aufdringlichen Forderungen förmlich belagern. Außerdem wird dort meistens von Kindern ein schwunghafter Handel mit Hoschanoth, zu kleinen Bündeln zusammengebundenen Bachweidenzweigen, getrieben. Auch werden zu dieser Zeit von alten Weibern verschiedene Süßwaren, als Lebkuchen u. dgl. verkauft, die zur Versüßung der kommenden Feiertage dienen sollen. Die Synagogen sind am Hoschanah rabba gewöhnlich stark besucht, da der Tag, wie schon bemerkt, als Schlußtag der göttlichen Gerichtsverhandlungen betrachtet wird, die mit dem Neujahrstag ihren Anfang genommen und am Versöhnungstag ihren Höhepunkt erreicht haben. Deshalb trägt auch der Vorbeter wie an jenen Tagen einen weißen Kittel. Nach den sieben Umzügen mit den Feststräußen, werden die Bachweidenzweige in die Hand genommen und nach der Verrichtung der entsprechenden Gebete bei den Worten ..Kol mebhassser" an die Pulte abgeschlagen, wobei sich ein Heidenlärm erhebt. Die abgeschlagenen Hoschanoth werden in die Höhe geworfen mit der Absicht, sie irgendwohin geraten zu lassen, da es nicht schicklich ist, Dinge, die zum Gebete gedient haben, einfach zu Boden zu werfen. Manche ziehen es vor, die gebrauchten Hoschanoth nach Hause mitzunehmen, wo sie irgendwo deponiert werden, um vor dem Passahfest beim Chamezbatteln gefunden und bei dessen Verbrennen als Brennmaterial gebraucht zu werden.

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