Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 4 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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— 116 — vor Augen hatte, ist er zugleich der erste Heimatskiinstler der jüdisch-deutschen Literatur geworden. Wie das osteuropäische Ghetto lacht und weint, wie es Menschen und Dinge betrachtet und wertet, seine heiteren und düsteren Feste, seine mannigfachen Typen, die in diesem Milieu miteinander ringenden Weltanschauungen, in den häufig vom Volke selbst geprägten Redewendungen ausgedrückt, werden uns in Wölwels unvergänglichen Liedern aufbewahrt. Das Lokal, in welchem er seine Lieder vorträgt, mutet uns * als die Urzelle des modernen Kabarett an. Wölwel und die Überbretteldichter, sie wollen beide Leben und Dichtung verbinden, versöhnen. * Durch Inhalt und Form seiner Lieder, durch das Prägnante, Epigrammatische seiner Sprache, den Bau seiner Strophen, die Handhabung des Verses ist Wölwel der Vater des jüdischen Chanson,; das sich aber vor allen anderen Produkten dieser Art durch bei sondere Innigkeit und Keuschheit auszeichnet. Obwohl er individuelle Schicksale schildert, ist er doch Volksdichter im besten Sinne des Wortes. Wir können bei ihm den seltenen Vorgang beobachten, wie Kunstgesänge zu Volksliedern werden, die durch ihre allgemeine Beliebtheit und Verbreitung ihren Urheber vergessen machen. Durch Wölwel Zbarazer stellt sich Galizien, welches seit 200 Jahren das klassische Land aller großen, weltbewegenden Veränderungen im Leben der slavischen Judenheit: des Frankismus, Chassidismus, Humanismus und zuletzt der zionistischen Bewegung ist, auch in bezug auf die jüdisch-deutsche Literatur in den Vordergrund. Einige Bemerkungen über Wölwel im Urteile seiner Zeitgenossen mögen die vorliegende Arbeit beschließen. Ja, schon seine Mitlebenden wußten Wölwels Wert vollständig zu schätzen. Peter Smolenski, der ebenso bedeutend als Kritiker wie als Romancier an der Spitze der hebräischen Renaissance steht, spendet („Haschachar" I. Jahrg., 2. Teil, Wien 1868, S. 47) Wölwel das höchste Lob. Er schreibt ihm echt dichterischen Geist, hohen Schwung und über das Ganze ausgebreitete Anmut zu. Auch die breite Lesersehar zollt ihm höchste, an Vergötterung streifende Verehrung. So vergleicht ihn (Haschachar, II, 205) ein autoehthoner Aristarch * aus der dunkelsten Provinz geradezu mit Homer, wobei er sich den possierlichen Anachronismus leistet, den alten blinden Dichter, von einem Knaben geleitet, von Kaffeehaus zu Kaffeehaus herum- ,j irren zu lassen, um sich sein Brot zu ersingen. Nach Wölwels Tode sollen über ihn (wie mir sein in Klausenburg lebender Neffe schreibt) rumänische Broschüren erschienen sein. Trotz allen Bemühens konnte ich derselben nicht habhaft werden. Dem reichsdeutschen Publikum wurde Wölwel bereits einige Jahre nach seinem Tode bekannt. Im Jahre 1888 veröffentlichte Dr. Gustav Hermann Dalman, Lizentiat der Theologie, als Nr. 20 und 21 der Schriften des Institutum Judaicum in Leipzig „Jüdischdeutsche Volkslieder aus Galizien und Rußland", unter welchen wir, leider aber in ungenauer Transkription, die gediegensten Dichtungen Wölwels finden. Im Jahre 1893 gab Dalman „Jüdische i