Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 4 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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- 115 - verrät uns den schelmischen, menschenfreundlichen Meister und und Lenker des ganzen uns in hohem Maße fesselnden Spieles. Wölwels Sprache ist die in Galizien, Ungarn, Eumänien und Rußland gesprochene, durch zahlreiche Slavismen gekennzeichnete jüdisch-deutsche Mundart. Er lehnt sich möglichst an die Volkssprache an. Wo er aber gezwungen ist, ein hochdeutsches oder hebräisches Wort zu gebrauchen, unterläßt er es nicht, in einer Fußnote eine entsprechende Erklärung hinzuzuführen. So erklärt er das Wort „Strahlen" („Die hebr. Sprache'4, I, II) durch „Schein der starken Lichter", „aufmuntern" durch „fröhlich machen", das der Mundart nicht geläufige „Beispiel" (I, 33) durch das hebräische, jedem Ostjuden bekannte „Maschal". Das dem jüdisch-deutschen Text gegenüberstehende Hebräische ist keine Übersetzung, sondern eine neue, selbständige Dichtung, bei deren Entstehen das zweite Ich Wölwels, der große Dichter der hebräischen Renaissance, der große Kenner und Nachempfinder der unvergleichlichen Schönheit der biblischen Poesie in Tätigkeit tritt. Nie verfällt er hier auf die lächerlichen Purismen seiner Zeitgenossen Josef Kohn-Zedek und Mordechaj Dawid Streliskier. Besonders glücklich ist er in der Schöpfung hebräischer Neubildungen zur Umschreibung modernster Einrichtungen: Mattot-omer Sprechstäbe für Telegraphenstangen und Kaw-ha-mabia Redestrahl für Telegraph sind dankenswerte Sprachbereicherungen, welche nur einem wahren, vom echten Sprachgeiste erfüllten Dichter gelingen. Bei Wölwel bilden Text uud Melodie eine Einheit. Er improvisiert zugleich Wort und Ton. Selbstverständlich ist bei ihm, wie bei allen Stegreifdichtern, die Improvisation eine letzte Etappe. Es geht eine längere, innere Arbeit voran, Gestalten, Töne und Situationen schwirren, schwärmen und summen umher —, dann kommt in das Chaos Ordnung, alles gruppiert sich — die Improvisation ist fertig. Wölwels Weisen sind größtenteils die durch die uralten Synagogengesänge filtrierten, schwermütigen, traurigen, nur selten durch ein schwaches Lächeln erhellten Melodien des europäischen Ostens. Wölwels Stellung in der jüdischen Literatur? Er geht aus von den Idealen der Haskala, teilt aber nicht ihren Fanatismus. Er haßt nicht, er liebt. Wölwel will die Ideale der Haskala ins Volk tragen und beginnt unter der Selbsttäuschung, die hebräische Sprache fördern zu wollen, zum Volke in dessen eigener Sprache zu sprechen. Er wird dadurch der erste wirkliche Dichter, welcher die bisher verachtete Sprache der Kleinen, Ungebildeten — der Masse — literaturfähig gemacht hat. Er wird dadurch zugleich der eigentliche Begründer der in letzter Zeit so erstarkten modernen jüdisch-deutschen Literatur. Ich sage ausdrücklich: Literatur. Denn jüdisch-deutsche Drucke rituell-religiösen oder verwandten Inhalts haben wir bereits seit dem XVI. Jahrhundert. Indem er aber nicht, wie die Klassiker der Haskala, „Ganz Israel", sondern einzig seine osteuropäischen Glaubensgenossen 8*