Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 4 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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— 114 — ihr Gewand aus und die Sprachen warfen Wortalmosen hinein, wessen gerade jede entraten konnte. Damit aber das Bündel nicht auseinanderfalle, gab die hebräische Sprache — den „Sack" her. Eine blutige Ironie! Dem seinen Sprachschatz zusammenbettelnden Rumänien liefert das jüdische Volk den Bettelsack! Aber auch ganz konkrete, nützliche Dienste haben die Juden den Eumänen geleistet. Sie lehrten sie Handel und Wandel, sie belebten den Verkehr, sie führten die Barbaren in Handwerk und Kunst ein. Der jüdische Lehrmeister wird, wie gewöhnlieh, vom Zöglinge, der bald hochmütig sieh im Größenwahn wiegt, durch Progrome belohnt. Aber der Tag der Vergeltung wird kommen. Zum Schlüsse einige Bemerkungen über Wölwels Technik und Sprache, über die Weisen seiner Lieder, sowie über seine Stellung in der jüdischen Dichtung des XIX. Jahrhunderts. Von allen dichterischen Mitteln begünstigt Wölwel besonders das Symbol. Die Uhr z. B. ist ihm der tüchtige Mensch, von dem die Gesellschaft Nützliches heischt; kaum aber versagt er für eine Weile, hört auch die Achtung auf. Die Nachtigall ist ihm ein Bild des armen Dichters, des Künstlers, des schöpferischen Geistes überhaupt, der nicht sich selbst, ihrer Entwicklung leben kann, sondern vom Ertrage ihrer Kunst leben muss. Die Welt endlich ist ihm ein schöner, aber verwahrloster, dem Zufall anheimgegebener Garten, in welchem nur zu oft die schönsten Blumen elend dahinwelken. Der Herr des Gartens, den der unzufriedene Beobachter des Weltlaufes — der grübelnde Verstand — zur Rechenschaft ziehen möchte, das ist Gott, der Herr der Welt. Ein weiteres, von Wölwel häufig benütztes dichterisches Mittel ist der Kontrast. Er stellt den Gegensatz zwischen Kopf und Herz, Glauben und Verstand, zwischen Chassid und Epikores, zwischen Orthodoxen und Reformierten vor. Die Kontrastierung von Chassidim und Epikorsim hat manchmal einen sehr ernsten Hintergrund, eröffnet die Aussicht auf den Gegensatz zweier Weltanschauungen. Der Reformjude, der „Deutsche", ist Individualist. Immerhin treten bei ihm auch manche allgemein menschlichen Gefühle in den Vordergrund, er ist z. B. beim Gedanken an die menschliche Vergänglichkeit von tiefer Wehmut durchdrungen. Im Gegensatz zu ihm steht der Chassid, der von weltlicher Kultur weniger beleckte slavische Jude, der Repräsentant des alten Judentums überhaupt, in dessen Brust meistens keine egoistischen, sondern Gesamtgefühle — Sozialgefühle — Platz haben. Bewundernswert ist Wölwels Kunst der Charakteristik. In seinen Satiren z. B. nimmt er sich vor jeglichem Keifen und Schelten in Acht, verschont uns mit Polemisieren und Kommentieren, sondern gruppiert und unterstreicht die charakteristischen Details und verschwindet dann ganz hinter den durch wenige Meisterzüge plastisch gezeichneten Figuren. Nur ein kaum merkliches, souveränes Lächeln