Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 4 (1909) · p. Seite 109

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
4 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 109 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2638044-2638058-2638062--0819-2638834
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 109 — Gottesknecht, Reb Beriniu, verhängt wurde. Das Ganze sei offenbar Teufelsspuk, sonst wäre es unverständlich, wie er so schnell das Deutschsprechen und Trefeessen bei Dr. Keitmann, dem damaligen Stadtarzte in Sadagöra, habe erlernen können. Freilich behaupten die bösen Apikorsim, weder Eichis1) noch Scheidim 2) seien hier im Spiel gewesen, es sei vielmehr eine ganz alte Wunde, die hier endlich aufbrechen mußte. Die Chassidim weisen diese Vermutung entrüstet zurück. Der arme Rabbi habe vielmehr einen zu großen Anlauf genommen, habe mit einem Mal die Macht des Unreinen brechen und den Messias bringen wollen. Da aber die Juden eines solchen Glückes noch nicht würdig waren, sei ihm der Satan beigekommen und habe seinen Verstand in Verwirrung gebracht. Außer Dr. Keitmann, dem Kelew-schebiklowim — dem Hunde aller Hunde — habe hier auch ein Missionär seine Hand im Spiele gehabt. Und auch hier das „cherchez la femme"! Das freche Lachen und das Klavierspiel der Doktorstochter haben das Maß vollgemacht. Ganz greulich sind denn auch die Flüche, welche die Chassidim gegen die Verführerin schleudern. Möge sie Gott die Handgriffe für das „Hackbrett" vergessen machen. Möge sie Blattern an den Fingern kriegen und gezwungen werden, mit dem Ellenbogen zu klopfen! Mögen ihre musikalischen Reziehos — Mordtaten — dem Tollen als Hundegebell und Koboldgepolter erscheinen. Auch die Rebbizin sehnt sich, aber nicht etwa nach dem Mann, sondern nach dem heiligen Kiddusch, nach der ,köstlichen Hawdalah. Das Lied klingt in den Wunsch aus, des Rabbi Wahnsinn möge drastischere, überzeugendere Formen annehmen, er möge beginnen Fenster einzuschlagen, nackt umherzulaufen, im Bade zu übernachten, schließlich aber möge er Heilung finden und wieder für klingenden Lohn Segen austeilen. Aber nicht nur die Chassidim, sondern auch das hochwürdige Haupt der Familie Friedmann setzt Himmel und Erde in Bewegung, um dem gräßlichen Unglück zu steuern. Vor allem freilich, seinem Gewerbe gemäß, den Himmel. Der Oberzaddik wird uns in der dritten Satire: „Reb Awrum Jakiniu sücht a S'chüß"8) vorgeführt, wie er im Gebet bei den himmlischen Scharen Hilfe sucht. Niemals ist ein Dichter tiefer in die Psychologie des aristokratischen Betens eingedrungen, als hier Wölwel. Es ist das nicht das Gebet eines demütigen, zerbrochenen Gemütes, sondern das hochmütige Ansuchen eines seines Wertes und der Verdienste seiner Vorfahren sich bewußten Grandseigneurs, welches mit den es begleitenden Glossen der dem Gebete beiwohnenden Chassidim einen parodistischen Charakter annimmt. Er beruft sich also zuerst auf den S'chüs seines heiligen Vaters, der sich nie durch Handel entweiht und seine ganze Zeit beim Gebet zugebracht hat. Darauf aber der Chor der enfants terribles, der Chassidim: 1) hebr. Geister. — 2) hebr. Teufel, Kobolde. — 8) Hebr. Verdienst; einen S'chüs suchen bei den himmlischen Mächten in der Not auf eigene moralische Verdienste oder auf Verdienste der Ahnen sich berufen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.