Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 4 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 107 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 107 — Du hoben sei unterwegs derhört Daß es is a groiß Umglück gekümmen. Reb Srulcie Hegt nebbech, wie a Barg in der Erd, M'hot ihm in Festung genümmen. Die Verbannung schlug den Friedmanns — dies der Familiennamen der Kiziner — gut an. Sie wuchsen an Macht und Ansehen und wurden sogar bald in der Gegend ein politischer Faktor. Wie im alten Vaterlande, machten sie sieh auch hier weniger durch Pflege des dem Chassidismus von Hause aus eigenen guten Kerns, weniger durch Thora und Massim-towim1), als durch luxuriösen Aufwand bemerkbar. Aber in der heißen geistigen Atmosphäre des Judentums reift alles schnell. Der stark entwickelte dynastische Sinn der Familienhäupter, das in geistigem und körperlichem Müßiggange dahinfließende Wohlleben, die Verschwendungs- und Genußsucht mancher Kebbezin (Rabbinerfrauen) und ein auch sonst nicht einwandsfreies Benehmen dieses Kreises — dies alles rief in tiefer angelegten Gemütern eine Eeaktion hervor. Und das Unglaubliche geschah. Der mittlere der drei in Sadagöra und Umgebung residierenden Brüder, Reb Beriniu, selbst bereits weit und breit anerkannter Zaddik, lehnte sich 1869 gegen die Hausordnung auf, wollte weder Pidionos2) noch* Huldigungen entgegennehmen und trat ganz zur Demokratie über. Ja, er erließ sogar ein Manifest gegen die Chassidim und für die Haskala. Der Dynasten und ihrer Anhänger bemeisterte sich bleicher Schrecken. Reb Beriniu wurde, ganz nach modernem Muster, für wahnsinnig erklärt Er verschwand von der Bildfläche und starb bald darauf. Die Affäre erregte ungeheures Aufsehen, sie machte ihren Weg durch ganz Osteuropa und wurde sogar dramatisiert. Noch 1873 bildete „Der Rabbi von Sadagöra44 im Osten eines der zugkräftigsten Kassenstücke. Besonders ausgeschrotet wurde in fiesem Machwerke eines anonymen Autors der Gegensatz zwischen Hof und Land, zwischen höfischem Zwange und ländlicher Einfachheit. Und damit auch das „cherchez la femme" nicht unberücksichtigt bleibe, mußte die Liebe Reb Berinius zu einem schlichten, christlichen Landmädchen das Hauptmotiv der Handlung — ganz in dem Geiste der damaligen Haskala — bilden. Ungeheuren Jubel rief jene Szene des genannten Stückes hervor, in der der ketzerische Rabbi seinen großen Monolog auf dem großen, von hohen Bäumen umrahmten Hofe eines behäbigen Bauernanwesens deklamiert, das seine Liebste birgt. Und da trat auch die Haskalaliteratur auf den Plan, welche die willkommene Gelegenheit ergriff, dem verhaßten Chassidismus eins am Zeuge zu flicken. Wölwel Zbarazer behandelte das aktuelle Thema in seinem „Makel-chowlim44. Das Büchlein besteht aus einer hebräisch geschriebenen Vorrede und ^ier Satiren in jüdisch-deutscher Sprache mit hebräischer Übersetzung, aus x) Hebr. gute Werke. — 2) hebr. Lösegelder, die dem Zaddik überreichten Geldgeschenke.