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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 4 (1909) · p. Seite 106

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
4 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 106 (sequence 11)
Language
German
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— 106 — gottes, sondern auch den Bankerott aller äußerlichen Werkheiligkeit, den Bankerott eines jeden Kultus, welcher nicht von innerer, echter Überzeugung getragen wird. In technischer Beziehung ist im ganzen Poem überhaupt in der letzten Figur Wölwel das geraten, was noch keinem anderen Dichter gelungen ist: ein trockenes, langweiliges Symbol in einer Reihe von lebensprühenden, wenn auch karrikierten Figuren darzustellen. Daß in der letzten Figur eine erdrückend große Anzahl von Einzeltaten angehäuft wird, beeinträchtigt für die mit den Umständen bekannten osteuropäischen Juden die Komik der Situation nicht im mindesten, sondern erhöht noch die Wirkung. IV. Aber Wölwel ist nicht nur Meister der sanften lächelnden Satire, sondern auch der wuchtig dreinhauenden, der strafenden. Zeugnis davon legen ab sein Werkchen: „Makel chowlim" und seine „Geschichte vün Galatz", mit welcher der erste Band seines Makelnoam schließt. Wölwel führt hier vernichtende Schläge gegen alles, was er für schlecht hält: gegen die Kulturrückständigkeit der die jüdischen Massen des Ostens ausbeutenden Rabbis einerseits, gegen den am Buchstaben klebenden toten Glauben andererseits. Am Anfange des verflossenen Jahrhunderts wurde den beiden bereits obenerwähnten, durch Lebensweise und Lebensanschauung sieh unterscheidenden Zaddikimdynastien: der Tschernobler und Riziner, der Raum nebeneinander zu enge. Die gegenseitige Feindschaft artete in eine Reihe von Denunziationen aus. Ein lächerliches Mißverständnis reichte, wie nur in Rußland möglich, hin, um die Katastrophe herbeizuführen. Das Haupt der Riziner Dynastie, Reb Dowid'l, hatte einen vergoldeten Thronstuhl mit der Inschrift: Dawid, Melech Israel Dawid, König von Israel. Die kleine Äußerlichkeit wurde zum Hochverrate aufgebauscht. Langjährige Gefangenschaft des Kronprätendenten des Ghetto und ein langwieriger Prozeß waren die nächsten Folgen. Die Dynastie ging nach Österreich in die Verbannung und schlug ihre Residenz zunächst in Sadagöra bei Czernowitz auf. Die Heerstraßen und Karczmy, die landesüblichen Wirtshäuser um Rizin, die sonst von vielen tausend Pilgern erdröhnten, verödeten. Auf eine solche Heerstraße versetzt uns eine jüdisch-deutsche Parodie der Heineschen „Zwei Grenadiere", die einen Freund des unsterblichen Jehuda Leib Gordon zum Verfasser hat, in welcher zwei Chassidim des gefangenen Rabbi auftreten: Zwei Chassidim senen gegangen zü Füß Auf Süküs1) zürn Rebbi kein Rizin, Sie hoben gewollt hören den Schmüß2) Dem Rebbis mit die Uspizin3). 1) Laubhüttenfest. — 2) .hebr. Rede. — 3) aramäisch Gäste, hier: die unsichtbaren Gäste, mit welchen der Rabbi nach dem Glauben der Kabbalisten am Laubhüttenfeste Gespräche führt.

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