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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 4 (1909) · p. Seite 105

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
4 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 105 (sequence 10)
Language
German
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105 — Kiddusch1) und Hawdoloh2) der heilige Trunk". An dem Bärtchen der Heldenfigur finden wir in brüderlicher Einigkeit die wichtigsten Ingredienzien des Versöhnungs- und Laubhüttenfestes: brennende Jom-kippurkerzen, ein Bündchen S'chach3), den bekannten Feststrauß und eine Hoschana. Den Hals des holden Wesens schmückt ein Schebuotröslein4); der Heldenarm schwingt sämtliches rituelle Kinderspielzeug für Purim, Simchat-Thora und Lagbomer: Grager, Fahne, „Feil ün Böigen", sowie auch das Schlachttier für den Versöhnungstag: die Kapure5). Auch die Schebuot-Krapfen, die Pesach-Knödel, die Honig-Moitze6) und das Chanuckatrederl fehlen nicht. Die mit Blut von einer Mzizah7) beschmierten Lippen, die Chalizahschuhe8), der Tales-Koton9), das „Ei mit Asche"10) und der Simchas-Thora-Krapfen vervollständigen den grotesken Aufzug des symbolischen Wesens, welches im vollen Bewußtsein seiner ungeheuren Würde nicht etwa 310, sondern Millionen, Millionen von Welten fordert, und — so schließt Wölwel seine Satire — Ün Gott betracht die heilige Zireh11), Mit der ganzer Kite12) Efscher füfzig Tausend Ihre13), Kümmen mit ein Bitte. Ün er zieht auf mit der Pleize14) Ün halt kaum aus dus Lachen Ün gefind gur nischt kein Eize15), Wus er soll mit sei machen. Wie kenn ich, sugt er, euch vergelten, Chotsch16) ich bin der groißer Gott, Wie soll ich nehmen asoi viel Welten? Ün is araus bankrot. Dem armen milden Gott ist also angesichts der übertriebenen Wertung ihrer unfruchtbaren Verdienste seitens seiner Juden, nichts übriggeblieben, als Bankerott anzusagen. Mit lachendem Munde zeigt uns Wölwel nicht etwa nur den Bankerott des milden Ghettohebr. der Einsegnungstrunk am Sabbatbeginn. — 2) hebr. der heilige Abschiedstrunk am Ende des Sabbat. — 3) hebr. Nadelholzreiser zur Bedeckung der Laubhütte. — 4) Am Wochenfeste kleben die osteuropäischen Juden an die Fensterscheiben verschiedene, flach ausgeschnittene Papierröslein. — 5) JüdischritueUes Spielzeug: am Parim („Loosfest") der „Grager" — die Hamanklapper, mit welcher die Jugend des Ghetto einen Höllenlärm hervorruft, so oft in der Synagoge während des Lesens des Buches „Esther" der Name „Haman" erwähnt wird. Am Thora-Freudenfeste (Simchas-Thora) tragen die Kinder Papierfahnen mit schön ausgeschnittenen Arabesken. Zum Andenken an die jüdisch-römischen Kämpfe verfertigt sich die Jugend des osteuropäischen Ghetto am Halbfeste Lagbomer „Pfeil und Bogen". Der Versöhnungstag wird dort durch das Schlachten eines Hahns oder einer Henne eingeleitet. — ö) Am Neujahr, Versöhnungstag und Laubhüttenfeste werden Weißbrotstücke — Moize —, über welche der Segen gesprochen wird, in Honig getaucht und den Hausgenossen verabreicht. — 7) hebr. Aussaugen des Blutes bei der Beschneidung. — 8) Vgl. Jewish Encykl. s.v. — 9) hebr. kleiner Betmantel, wird über dem Hemde getragen. — 10) Die Leidtragenden genießen nach der Rückkehr vom Begräbnisse als Zeichen der Trauer ein Ei mit Asche. — ») Gestalt. — ia) Gesellschaft. — 33) Leute. — 14) Rücken. — lö) Rat. — lö) poln. wiewohl.

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