Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 4 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 104 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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- Mohel 1× ep/1006163
- hazzan 1× ep/1004827
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— 104 — Der Rabbiner hat Gottesfurcht gepredigt, die Wunder der Thora demonstriert. Dafür ist bloßes, armseliges Paradies zu wenig. Er fordert nicht mehr, nicht weniger als seine 310 Welten. Der Chasan hat jahraus, jahrein mit orgelheller Stimme vorgebetet und aus der Thora „vorgeleint". Auch er fordert genau 310 Welten. Der Schames hat die „Schill" sauber gehalten, den „Oilem"1) zu Selichot2) geweckt, zu Trauungen und Beschneidungen eingeladen, ist dabei immer in zerlumpten Kleidern einhergegangen und hat Mangel gelitten. Auch er verlangt sein Recht. Der Schochet hat mit großer Geschicklichkeit und peinlicher Minutiosität die weitläufigen Agenden des Schächtens erledigt und noch immer Zeit gefunden, sich von der Synagoge einen frommen Oirech3) zu holen. 310 Welten sind für solche Verdienste eine minimale Belohnung! Der Mohel ist geradezu ein Genie — a wilde Brie —. Schneiden, Saugen, Reißen, Segensprechen — bei armen Leuten sogar ohne Gehilfen — alles das macht er in einem Atem. Auch er besteht auf seinem Schein! Der da in der Ecke nackt steht, tut es nicht. Gott behüte vor Ausgelassenheit, demütig gesteht er, daß er aller Mizwoth — Verdienste — bar, aber er wolle in seinem Adamskostüme ad oculos demonstrieren, er sei ein Jude. Auch ihm ist das Ganeden zu wenig, er will 310 Welten! Zeichnet sich aber jeder der bisher Genannten bloß durch eine einzige Gruppe religiös-ritueller Pflichten aus, so ist der zuletzt Hinzugekommene geradezu ein Rothschild an passiven und aktiven Beziehungen zum rituellen Religionsgesetze. Schon sein Äußeres, höchst selbstbewußtes Auftreten, sein ganzer Habitus weisen darauf hin, daß wir es mit einer lebendigen Illustration der krassen Veräußerlichung des Rituals zu tun haben, die in gewissen Kreisen den edlen Kern der Religion überwuchert. Er loift ün springt wie a Zap4) Ün schreit: Schkuzim5), machts mir Platz! Ün singt sich zü auch a Kap6) Ün tüt beim Bärdel sich a Kratz. Auf dem Haupte trägt diese wunderlichste, aber lebendigste aller symbolischen Persönlichkeiten eine vielschwänzige Sabbatmütze — das Stramel. Auf dem Oberfutter prangt ein Osterbrot par exeellence — Mazza-schmire. An den Stramelspitzen hängen Chanuckalichter, auf der Nase thront eine Mesusa. An den Peosflechten baumeln Arba-kosos7), auf der Stirne ruhen zwei Paar Tfllin8), auf der Zunge ein mächtiger Schofar9), im Munde „von *) Hebr. Publikum. — 2) Bußgebete, die u. a. in früher Morgendämmerung einige Tage vor Neujahr in der Synagoge vorgetragen werden. — 8) hebr. Gast. — 4) poln. Widder. — 5) hebr. Ungeziefer. — 6) slav. ein bischen. — 7) hebr. die vier vollen an den beiden ersten Pesachabenden zu leerenden Weinbecher. — 8) hebr. zwei Lederkapseln, in deren Innern auf kleinen Pergamentstreifen geschriebene bedeutungsvolle Bibelstellen sich befinden. Sie werden mittels Riemen während des Morgengebetes an Wochentagen an dem linken Arm und auf der Stirne befestigt. — 9) hebr. Widderhorn.