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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 93

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 93 (sequence 29)
Language
German
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— 93 — Talmud und Kabbala, allein ein berüchtigter Geizhals, der von seinem Keichtum weder sich noch anderen je etwas gegönnt hatte. Diesmal hat ihn die allgemeine Begeisterung mit fortgerissen und er bringt es über sich, den fremden Eabbi für Samstag Nachmittag auf ein Stückchen „Fisch" zu laden; er möchte zu „Schalosch Seudoth" — so nannte man dieae dritte Sabbatmahlzeit — sein Gast sein. Der Maggid nahm die Einladung an. Zu dem Fisch kam ein guter Wein und Eeb Mendel zeigte auch seine Gelehrsamkeit, die tatsächlich keine geringe war. Als sie aber so recht gemütlich geworden waren, nahm der Gast das Wort: „Reb Mendel, wie ich sehe, seid Ihr ein gediegener Lamdan (Gelehrter), wie ich selten einen gesehen, Ihr seid ferner ein großer Nagid (ein sehr reicher Mann), doch hab ich schon gehört, daß aus eurem Hanse nicht viel Gutes herausgeht! Erklärt mir nur das, ich bitt' Euch drum!" Reb Mendel, zunächst ein wenig betroffen, erwidert:. Es steht geschrieben beim Aufzählen aller Pflichten des Juden: „Das Thorastudium wiegt alles auf. Darum beschäftige ich mich anhaltend mit der Thora und erfülle somit das Gesetz!" Reb Mendel schwieg triumphierend; der Maggid aber sagte: „Lasset mich euch ein kleine Geschichte erzählen. In einer Gemeinde lebten einmal zwei große Negidim (reiche Männer), die nach aller Herren Ländern Geschäfte machten, nach Hamburg, Leipzig, Frankfurt a. M. und Amsterdam; der eine liebte es, wie ein reicher Mann aufzutreten, sich fein zu kleiden usw. Dem anderen genügte der Besitz an sich; beide waren eng befreundet. Indes des Schicksals Rad drehte sich und nach einer Zeit schwerer Krisen waren beide von allen Mitteln entblößt und, um nicht zu verhungern, entschlossen sie sich, in der weiten Welt sich durch Schnorren ihr. Brod zu suchen. Sie unternahmen gemeinsam die Wanderung, und schon auf der ersten Station zeigte sich, daß derjenige das Dreifache der Gaben einsammelte, der früher besser zu leben gewohnt gewesen war. Auch in der zweiten und dritten Gemeinde war es nicht anders. Im Absteigequartier klagte ihm natürlich sein Gefährte sein Leid, daß die Menschen doch so ungerecht seien. Darauf bemerkte ihm der vom Glück Bevorzugte: „Ich will Euch sagen, woran das liegt. Ich gehe, wie ichs von früher gewohnt bin, in einem bekoweten Malbusch (einem anständigen Gewand); wohin ich komme, hält man mich bekowed (in Ehren) und gibt mir bekowed; ihr aber geht wie früher als ein richtiger Schnorrer. Niemand glaubt, daß ihr jemals bessere Tage gesehen habt, und man fertigt euch ab wie einen Schnorrer. Nun möchte ich Euch raten, geht nach Hause, verkauft Euer Letztes und schafft Euch ein anständiges Gewand, ein bekowed Malbusch an." Der Kollege befolgte diesen Rat, verkaufte den Rest seiner Habe und schaffte sich einen feinen Chalat (Obergewand) an und glaubte, nun sei er ein gemachter Mann. Allein, wie er im neuen Chalat in der Judengasse gesehen wird, laufen ihm alle Gassenjungen nach, necken ihn und machen sich aus ihm einen Spott, die Erwachsenen halten ihn für „meschugge" (verrückt)! „Was ist denn mit mir geschehen", fragt er seinen Freund, dieser aber konnte selber bei seinem Anblick des Lachens sich nicht enthalten. Dann klärte er ihn auf: „Ja, ihr habt Euch gemacht einen feinen „Chalat", aber seht nur an eure Schuh, Strümpf, Hosen und Mütz — da ist alles zusammen zerrissen und zerschlissen! Eines muß zum andern passen. Der schöne Chalat allein machts nicht aus; Euer früherer hat wenigstens zu dem andern schlechten „Malbuschim" (Gewand) gepasst". Dieser Erzählung fügte der Maggid hinzu: -„Nun merkt Ihr, wo ich 'naus will, — der Chalat, das ist die heilige Thora, die Religion, das wichtigste Gewand; wo das schäbig ist, pflegen die Menschen von einem nicht viel zu erwarten. Wo aber der Chalat ein guter, wo Thorakenntnis zu finden ist, da müssen die anderen Kleidungsstücke dazu passen; wer Thora allein ohne entsprechende gute Werke aufzuweisen hat, dem geht es auf dieser und aut jener Welt nicht anders, als dem Schlemiel von Schnorrer in dem feinen Chalat." Reb Mendel aber sagte nur: „Ihr seid ein Mann für Gott und die Welt." Wie der Dubnoer, der Raizer ist u. a. der Waidoslawer Maggid bekannt, der ganz Westeuropa bereist und in allen größeren Gemeinden gepredigt hat, und besonders bekannt ist ein Gleichnis, mit dem er sich in

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