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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 92

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 92 (sequence 28)
Language
German
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— 92 — Mit den drei polnischen Gulden in der Woche konnte der Eabbiner trotz aller Gelehrsamkeit nicht auskommen, und so blieb vielen Darschanaim (Predigern) nichts übrig, als von Zeit zu Zeit auf die Wanderschaft zu gehen und durch Abhaltung von Vorträgen in fremden Gemeinden ihre Einkünfte zu verbessern. Einige dieser Wanderprediger erlangten allmählich eine große Berühmtheit, und ihre witzigen Beden wurden sprichwörtlich. In einer Gemeinde stieß einmal ein solcher Prediger auf die Gegnerschaft des Parnas. Der Vorsteher, der gar häufig von durchreisenden Armen belästigt wurde und oft den Vorwurf der leichtfertigen Kassenverwaltung hören mußte, war etwas unwillig und bedauerte, daß die Gemeinde diesmal den köstlichen Genuß der Derascha sich versagen müsse. Der Aulom (das Publikum) war aber nicht geneigt, sich den Genuß des berühmten Darschan entgehen zu lassen. Es begann ein wildes Toben und Bäsonnieren: „Für Herumtreiber, für alles schlechte Gesindel ist Geld in der Kasse, aber hier! . . So wurde denn beschlossen, daß der Maggid (Prediger) in Begleitung eines Abgesandten sich nochmals zum Parnas begebe, dieser ließ sich erweichen und versprach dem Prediger ein Honorar von anderthalb polnischen Gulden; dies sei zwar ein sehr geringer Betrag, — der Babbi solle leschem mizwa, d. h. um der Sache selbst willen und nicht um schnöden Lohn darschenen (predigen). Dem armen Maggid blieb nichts übrig, als darauf einzugehen. Frühmorgens war schon die liebe Schul voll, kein Kind, kein Kind blieb daheim. Die allgemeine Spannung der Gemeinde zeigte sich auch darin, daß der vortreffliche Chazan, dessen Trailer und Triller sonst die Zuhörer mit Begeisterung erfüllten, heut von allen Seiten bestürmt wurde, das Dawenen mit den langgedehnten Trillern abzukürzen. Endlich kam der ersehnte Moment, der Maggid tritt zum Aron hakodesch, küßt ehrfurchtsvoll den Vorhang und legt, zur Gemeinde gewendet, die Hände auf den Ständer und — sein Haupt darauf! So steht er lange Zeit, redet kein Wort, die Leute im Publikum schauen einander verwundert an, der Mann oben auf der Kanzel scheint eingeschlafen. Da erwacht der Maggid mit einem mächtigen Stoßseufzer, wischt sich die Augen und bittet die Gemeinde um Entschuldigung; von Müdigkeit überwältigt, sei er eingeschlummert. Da hatte er plötzlich einen merkwürdigen Traum. Er hörte den Preisgesang der Engel und sah mit klaren Blicken das Bethdin schel maalo, das Gottesgericht im Himmel, wie die Seelen der Menschen verhört und gerichtet werden. Zuerst brachte man eine arme Seele herbei, der Ankläger ruft aus: ,,Dieser Mensch hat Chillul haschem begangen, durch ihn wurde der Name Gottes und Israels gelästert"; — da erging der Befehl, diese mit 200 feurigen Buten zu züchtigen. Eine zweite Seele wird angeklagt wegen Nichtbeachtung des göttlichen Gebotes: lo tignob — du sollst nicht stehlen. — Ihr werden 300 Buten zudiktiert. Endlich bringt man einen Schlemiel von einem Maggid geschleppt. „Was hat er Böses verübt?" Da ruft der Ankläger: „Die größte Abhera (Sünde) hat dieser begangen, er hat das Gotteswort entwürdigt, er hat die Dibhra tora (Gotteslehre) für anderthalb Gulden hergegeben und sie dadurch mebhazze gewesen (verächtlich gemacht), er erhält 400 brennende Buten!" „Das war mein Traum", so klagt der Bedner und fügt hinzu: „Habt Mitleid mit meiner armen Seele, rettet sie und legt mir etwas zu, damit ich bestehen kann vor dem Bethdin schel maalo!" Auch der Parnas war gerührt. Und nun erst begann der Darschan sein eigentliches Thema. Der Bedner entsprach den gehegten Erwartungen, alles war voller Entzücken über die Fülle von Weisheit und Gelehrsamkeit, die auf sie niederströmte. Unter den Entzückten war auch Beb Mendel. Dieser Beb Mendel war ein sehr reicher Mann, dabei ein Ausbund von Gelehrsamkeit in rabbinischen Autorität in einer Gemeinde Nordwestdeutschlands, der gelehrte Herr habe jedesmal in seiner Predigt am Sabbat haggadol einen „harben Bamham" (eine schwierige Stelle im Maimonides) zitiert. Einmal ließ er sie aus und mußte sich von einem Zuhörer während der Predigt erinnern lassen: „Der Bebbe hat den Bamham vergessen".

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