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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 89

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 89 (sequence 25)
Language
German
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— 89 — höchsten künstlerischen Realismus, findet er den prägnantesten Ausdruck für die charakteristischen Erscheinungen des jüdischreligiösen Lebens. Die Helden des unsterblichen Werkes sind — Gott und sein Volk Israel. Der erstere, das ist nicht der allmächtige, strafende El-Schaddai der Bibel, sondern der lächelnde, barmherzige, nachsichtige, milde Gott des, ach so trostbedürftigen Ghettos. Schauen wir uns aber die gütigen Züge dieses Gottes näher an, so finden wir in ihnen die Züge unseres Dichters wieder, dem bei aller Satire meistens die innigste Liebe die Feder führt. Der Dichter des galizischen Ghettos hat hier den jüdischen Gott nach seinem Ebenbilde umgeschaffen. Gott kückt zü mit die Oigen, Tüt a Schmeichel im redt kein Wort. Israel wieder, — das sind nicht die Nachkommen der heldenmütigen Makkabäer. Das sind die durch jahrtausendlange Verfolgungen nicht nur wetterfest, sondern auch mürbe gewordenen, an der Erde ohne Schwung dahinschleichenden, meist mit geistlosem Krimskrams sich zufriedenstellenden Juden der dunklen, engen Gasse. Sämtliche Typen des die Quintessenz des gesetztreuen Judentums beherbergenden und bildenden Beis-hamidrasch huschen, zum Greifen lebendig, in ihren charakteristischen Zügen wiedergegeben, an unserem geistigen Auge vorüber. Wölwel schildert einen, unweit vom Paradiese stattfindenden Zahltag des, von seinen Allergetreuesten, den „Klei-kodesch", „den heiligen Gefäßen" umgebenen Herrgotts, die in ihm nicht einen strengen Herrn, sondern einen milden gütigen Vater verehren. Die Forderungen, die ein jeder an den Herrn stellt, entsprechen nicht etwa seinen wirklichen Leistungen, sondern einer, im Bewußtsein der „Auserwähltheit" ausgeklügelten, Auslegung einer bekannten Bibelstelle, nach welcher in der künftigen Welt jedem Frommen dreihundertzehn Welten vorbehalten sein sollen als Lohn für das Einhalten der Gesetze. Wir sehen also den Herrgott auf seinem Himmelsthron sitzen, um ihn eine große Schar von Zaddikim — Gerechten, — welche ihm ihre unabweislichen, durch die heilige Exegese gleichsam bescheinigten Forderungen vorlegen wollen. Der Herrgott sitzt auf san Stühl Nischt wat vün dem Gan-eden,1) Kümmen zü ihm Zaddikim viel, Un Wüllen mit ihm reden. Wus wüllt ihr, sugt er, mane Kinder, Wus is euch eppes kusche.2) Hot ungehoiben jeder basünder Zü sugen san Bakusche.3) Mit dem Kopp ungeboigen, Steit sich jeder auf sein Ort, Gott kükt zü mit die Oigen, _ Tüt a Schmeichel ün redt kein Wort. x) Hebr. Paradies. — 2) hebr. schwer verständlich. — 3) hebr. Bitte. (Schluß folgt.)

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