Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 88

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 88 (sequence 24)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/2638044-2638058-2638061--0796-2638810
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 88 — und Eltern zu beantworten. Am Schluß ist aller Liebe Mühe vergebens. Er verflucht seinen undankbaren Beruf. Er verschelt sich seine Beiner, Ün Geld hot er Makes,1) Es is nischt du kein rechter einer Vün die Schreiber, die Lajdakes.2) Der Schreiber sieht natürlich seinerseits in dem Melamed das nichtsnutzigste, faulste Geschöpf, welches seine Tage in Müßiggang und Völlerei verbringt. Ba die Melamdim is der Wan der Iker,3) Tug in Nacht senen sei schiker,4) Sei gehen burwes mit hojle Pietes5) — Beide Antipoden haben mit ihrer, teils boshaften, teils galligen Charakteristik des Rivalen Eecht. Die Schreiber, von Hause aus unpraktische Maskilim, Idealisten, wollen im fremden Lande die Apostel machen und hetzen sich ohne Erfolg ab. Die rumänischen Melamdim waren zu Hause abgekrachte Krämer und Luftmenschen. Im „vergröbten", kritiklosen, im Gegensatz zum Hungerlande Galizien, wahren Schlaraffenlande Rumänien, werden sie, dem Namen nach Melamdin, in Wirklichkeit Schlemmer und Säufer. Daß Wölwel bei jeder Gelegenheit die jüdisch-rumänischen Parvenüs verspottet, die wahrscheinlich gar manchmal den armen Dichter ihre Geringschätzung spüren ließen; ist natürlich. Hier verläßt ihn seine gewöhnliche Sanftmut, er wird grausamsarkastisch. So z. B. im Spottliede: Die Braillover Sochrim6) (I. 83), wo er den vor dem Bankerott stehenden Emporkömmlingen die unerwünschte Konkurrenz fürchtenden, gewerbsmäßigen Schnorrer zurufen läßt: Mir Wüllen nischt kein Toiwis,7) Vün euer bissei Münz, Bezahlt euere Choiwis,s) Sent ihr gleich mit üns. Es tüt üns beim Herzen klemmen, Wir senen verloiren mit unser Künz, Bald wellen Chelek9) nehmen Die Ngidim auch vün üns. Wölwels bedeutendste Satire aber, sein gediegenstes Werk — überhaupt eine der vorzüglichsten Satiren der ganzen Weltliteratur und sicherlich die beste der gesamten neueren jüdischen Literatur, Isak Erters Meisterwerke nicht ausgenommen, — ist das an die Spitze des vierten Teiles des Makel-noam gestellte satirische Poem: Gotts Bankrott Es ist das die beste, gelungenste, in die kürzeste Formel gebrachte, auf engstem Eaume, aber nichtdestoweniger in höchster Plastik der auftretenden Gestalten und Situationen ausgeführte Verspottung des unfruchtbaren, selbstzufriedenen, weltfremden, in Formelkram verknöcherten, osteuropäischen Judentums jener Zeit. Hier erhebt sich Wölwel zum x) hebr. wörtlich: Schläge, in übertr. Bedeutung nichts. — 2) slav. Lumpen. — 3) hebr. Hauptsache. — 4) hebr. Betrunken. — 6) slav. Sohlen. — ö) Kaufleute. — 7) hebr. Wohltaten. — 8) hebr. Schulden. — ») Teil.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.