Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 3 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 87 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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— 87 — an den Türpfosten angebrachten Gebetkapseln — und ohne vor dem Einschlafen das Schma hergesagt zu haben. Sogar 15 jährige Backfische spazieren an Samstagsabenden herum, ohne von irgend einem „Deutschen" mit langer Eeitgerte den mindesten Eespekt zu spüren! Bios die Kabbis mit ihren vielen Chassidim halten dem Fortschritte Stand, aber auch ihr Stündchen wird bald schlagen. Gelungene Kulturskizzen aus dem jüdisch-rumänischen Leben zwischen 1830—1870 sind: „die Moldauischen über die Poilischen", ,der Melamed1) im Chol-hamoed'2) und „der Schreiber" (I. 103 bis 118). In der ersten der genannten Satiren klagen die autochthonen Moldauer über die hergelaufenen polnischen Hungerleider, daß diese es darauf abgesehen haben, die jüdische Jugend dem Abfalle zuzuführen; sie übersetzen die Bibel ins Deutsche, schaffen das Talmudstudium bei Seite. In früherer Zeit war schon das Schreiben eines „Taschrik"3) eine hohe Kunst, überhaupt eine Adresse schreiben, brachte einen in den Verdacht der Zauberei! Kümmen Schlag vün Poilen arub, Drabes4) gur uhn Zahl, Ün führen vün dem güten Weg arub. Dus heilige Volk Jisruel. Es mög auf sei kümmen a groiße Zure3), Sie verbeugen gur die heilige Gemure6) Tnach7) zü lernen is schon besser Un mit dem Peirisch8) vün Moische Fresser.9) Wie es damals um die beiden Hauptvertreter der jüdischrumänischen Jugenderziehung bestellt war, um den neumodischen „Schreiber" und den altmodischen „Melamed", darüber belehren uns, echt menschlich, die Äußerungen des „Melamed" über den „Schreiber", des „Schreibers" über den „Melamed". Während der Osterferien — des „Pesach" — ,,Bein-hazmanim" erneuert der schnellfüßige und zungenfertige Melamed seine Schülerschar und feiert, nach Anwendung aller üblichen Geschäftskniffe, über seine Konkurrenten wohlverdiente Triumphe. Ich kümm aran zürn Gwir10) in Stüb. Kümmt Heb Gerschon-Melamed aran in mitten, Sugt ihm der Gwir: ich hob dich nicht lieb, Bist mit mir nischt kein Mechüten.11) Bemitleidenswert, nach der Schilderung des Melamed, ist einzig der „Schreiber". Er unterrichtet ihrer fünfzehn während einer einzigen Lektion, rackert sich ab mit dem Einüben von Gradschreiben und Diktando, hat unzählige Fragen seitens der Schüler 2) hebr. jüdischer Lehrer. — 2) hebr. die Halbfeiertage des Pesach- und Laubhüttenfestes. — 3) Umgekehrtes hebr. Alphabet, ein altbewährtes Mittel der jüdischen Pädagogik. — 4) slav. Kerle. — 5) hebr. Leid. — 6) Talmud. — 7) Bibel. — 8) hebr. Kommentar. — 9) Mendelssohn wurde im Ghetto Moische Dess[au]er, von den Chassidim spottweise Moische Fresser genannt. — 10) Hebr. Magnat. — u) hebr. Verschwägerter.