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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 86

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 86 (sequence 22)
Language
German
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— 86 - Sie, die Herren, nehmen nur G-eld, leben in Hülle und Fülle, kaufen Dörfer und Städte, fahren in vierspännigen Wagen. Ihre armen, aus allen Weltgegenden herbeiströmenden Getreuen, die Chassidim, behandeln sie ä la Canaille, sie steigen nie zu diesen niedrigen Kindern der Erde hinab und lassen ihnen ihre Atzung — — Schiraim, Brosamen vom Tische der Göttlichen — in abgesondertem Gemache reichen. Und welchen Aufwand erst ihre Weiber treiben! Da machen sie es eben besser, als die anderen „güte Juden", die ihr Leben mit Wehklagen und in Gesellschaft von Leuten verbringen, die mit Armut und anderem Gebreste behaftet sind. Sei bewasen kein fröhliche Miene, Die Koiches1) gehen sei aus, Sei sorgen nor auf Golus-haschchinah,2) Un sehen wie Bettlers aus. Mir trugen nischt die Zures,3) Mir leben sehr zufrieden, Wir sehen aus wie Srures4) Un fort güte Jüden. Seiere Weiber gehen verschmiert, Dus is bei sei der Jüchüs5) Mit Kupkis6) ün Vartücher ausgeputzt, Un sehn ans wie die Richüs.7) Ober unsere Weiber senen groiße Charizis,8) Sie putzen sich die Lab er Un sehen aus wie die Prizis.9) Gar häufig weiten sich Wölwels Satiren zu wahren Kulturbildern aus, in welchen er den Aberglauben unter den osteuropäischen Juden, den geistigen Tiefstand der aus aller Herren Ländern zusammengelaufenen rumänischen Glaubensgenossen schildert. Bilder aus Halbasien zwanzig Jahre vor Karl Emil Franzos! Durch seine unnachahmliche Kunst, durch Kontrastierung zu charakterisieren, läßt er vor unseren Augen lebenswahre Gestalten, Sitten und Zustände erstehen. So stellt uns die Satire: „Die Lezims Kinos"10) (IV. 75) ein ungemein interessantes, romantisch-gruseliges Einst neben ein nüchtern prosaisches Jetzt. Die Kobolde — Lezim — beklagen ihre nun verlorene, einstige Herrlichkeit. In der guten alten Zeit hielt man alle Nächte der Woche hindurch Tür und Fenster vor ihnen verrammelt. Zumal Samstags abends hörte man von allen Seiten ein Pfeifen, Brummen, Quieken und Klatschen, man erblickte auch plötzlich neben dem Kamin einen „Deutsch" mit langem Tsehibuk, der fortwährend mit der Peitsche herumknallte. Schier unerträglich war es bei den Kindbetterinnen! Kindbetterin und Wärterin erbebten beim mindesten Geräusch. Heute ist es anders. Da schläft einer mutterseelenallein in einem großen Hause, ohne die bewährte Prophylaxis der Mesusa — der *) hebr. Kräfte. — 2) hebr. Exil Gottes, mit dem Israels verbunden. — 3) hebr. Leiden. — 4) Fürsten. — 5) hebr. Adel. — 6) slav. Hauben. — 7) hebr. böse Geister. — s) hebr. geschickt. — 9) hebr. Damen. — 10) Hebr. Die Klagen der Kobolde.

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