Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 85

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 85 (sequence 21)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2638044-2638058-2638061--0793-2638807
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 85 — In dem is nischt schuldig keiner, Nor*dus wüste Wien!1) Der Kabbi, der Zaddik erscheint bei Wölwel in seinen beiden Spielarten: in seiner Urgestalt, in der Gestalt des frommen Dieners Gottes, der freiwillig Armut und Demütigungen erträgt, dann in der Gestalt des almenstolzen, Macht und Lebensgenuß liebenden Dynasten. Wir wissen es aus der Geschichte des Chassidismus,2) wie beide Abarten des Zaddiks durch zwei große Familien repräsentiert wurden: einerseits durch den Tschernobler „Kof", der an seiner allzugroßen, jedem Pompe abholden Einfachheit zugrunde ging, und das königlich stolze Geschlecht der „Rizimer", das noch heute von seinen mit allem modernen Komforte ausgestatteten Schlössern in Podolien und der Bukowina aus die ganze orthodoxe Judenschaft der slavischen Lande beherrscht. Wölwels „Ümglücklicher, güter Jüd" (I. 61) beklagt sein elendes Geschick. Er verstehe dieselben Kunststücke wie die anderen auch, er umgebe sieh mit einer treuen Schar von Chassidim und Gabbaim,3) trage ihnen an Samstagen die übliche, mit Zohar4) gespickte, unverständliche Thora vor, schreibe Amulette — Kameot —, trotzdem sprechen bei ihm nur Hungeleider vor, während die Vornehmen, die Ngidim solidarisch fortbleiben: Ich frag' euch, Kinder, gur ein Schaale5) Var was bin ich ärger gur fün alle? Bin ech denn nischt, wus sei sennen, Könn ich denn nischt, wus sei können? Wer es sterbt in der Heim var Hünger, Kümmt zü mir ün is beim Tisch a Singer — Ich schrei ün dawen6) Erew-wowoiker7) Ich hob schoin bekümmen auf der Pleize8) a Hoiker.9) Ist dieses Lied vom „unglücklichen güten Jüden" ein Klagelied, so kann das von dem „glücklichen güten Juden" (I. 137) mit Recht ein Siegeslied genannt werden. Der triumphierende Dynast lobt sein Geschick und vergleicht es mit dem seiner verdüsterten, unglücklichen Kollegen. Er und seine Genossen haben sich bloß die Mühe genommen, geboren zu werden. Sie tragen keine Thora vor, hetzen sich nicht mit Beten ab, verrichten keine Wunder; die gewöhnlichen Wunder besorgen die Gabbaim: Mir bewasen keine Wunder, Mir sugen nischt zü kein Oilem-habu.10) A Wabel helfen zü Kinder, Zü dem toig schoin ünser Gabbu. *) Eine Bearbeitung der Melodie von Bog. Zeppler in Ost und West 1908 S. 534. — 2) ,,Luach-(Jahrbuch) Achiasaph", 5665 (1905) S. 293 ff. hebr. zur Geschichte des Niederganges des Chassidismus. — a) Erster Würdenträger am Hofe eines Eabbi, Vertrauensmann und Adjutant. — 4) die Bibel der Kabbalah. — 5) Hebr. Frage. — 6) beten. — 7) hebr. Morgen und Abend. — 8) und 9) auf dem Rücken einen Buckel. — 10) hebr. zukünftige Welt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.