Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 3 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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— 84 — Mit gesalzene Fisch wet sein brükiert1) Un güter Wein vün alle Ecken. Die Wänd mit Dreles2) ausgeschmiert, Alle Chassidim sollen lecken. — Diese vortreffliche Satire, welche in manchen Einzelheiten an eine bekannte Phantasie von Heine3) erinnert, stellt die Gennß- und Hoffnungsfreudigkeit des Chassid, welche vor den höchsten religiösen Mysterien nicht Halt macht, dem reizlosen, durch keine schöne Illusion erleuchteten Leben des skeptischen Rationalisten, des Apikoires entgegen und schließt jede Strophe mit dem Refrain: Oi wie deriebt man schoin dus! Ist Wölwel der Chassid die gottvertrauende Frohnatur, der es der Herr im Traume gibt, der geniale Kopf — „dus güte Koppel", so ist ihm der Apikoires, wie bekanntlich der Chassid jeden modernen Juden nennt, der sauertäppische, mit sieh im Unfrieden lebende Dummkopf, in dessen Brust Herz, Neigung und freier Wille miteinander kämpfen, der Flachkopf — „das platschige Maichel". — Dem freien Willen gibst dü mir, Ün dus Herz auch daneben, Ün dus kränkt mich gur un schier,4) Verbittert mir mein ganz Leben. Wus der Willen heißt mir tün, Ün ich hob Courage dazu, Is dus Herz a groißer Mien5) In sugt mir: nite tü! Wölwel läßt auch auf die Kulturkämpfe, welche sich zwischen 1830—1860 im osteuropäischen, speziell im galizischen Ghetto abspielten satirische Streiflichter fallen auf den Kampf zwischen G-alizien und Wien, zwischen dem Judentum der altehrwürdigen Tradition und dem modernen Judentum, welches nach der Vorstellung der osteuropäischen Juden äußerlich und innerlich seine göttliche Gestalt abgestreift hat. Da wird uns in herzzerreißender Weise beschrieben, wie der ungeratene Sohn einer frommen, orthodoxen Familie Beth-hamidrasch, Peoth und Talmud von sich wirft, um sich in Wien fremder Lehre und gleißnerischem Scheine zuzuwenden. Lo 'mir weinen, lo 'mir klugen Lo 'mir beten zürn lebed'gen Gott, Lo 'mir fasten, Thillim sugen, Auf dem Ümglück, wus uns getroffen hot — beginnt diese rührende Historie, die, vom ganzen Familienkonventikel, von frommen Tanten, heiligen Onkeln und sonstigen Angehörigen im Chore gesungen, gedacht wird, und in der jede Strophe mit dem Eefrain endigt: x) slav. gepflastert. — 2) slav. Gallerte. — 3) S. W. Hoffmann & Campe (I. 106), „mir träumt: ich bin der liebe Gott". — 4) Hebr. Maß. — 5) Ketzer.