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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 82

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 82 (sequence 18)
Language
German
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- 82 — Voll ehrlichen Spottes und nngeheuchelter, von kräftigen Flüchen gewürzter Entrüstung zählt der aus Wien zurückgekehrte chassidisch-polnische Patriot die seiner Meinung nach allem Schönheitsgefühl hohnsprechender Wunderlichkeiten der deutschen Religionsgebräuche auf. Der Chasan heißt Kantor, der Schülschames ist ein „Diener". Gekleidet sind die Chasanim — Gott sei es geklagt — wie die Geistlichen, die Meschorerim1) wie die Diäken2), der Schülschames trägt gar einen Krappenhut, wie hierzulande ein „Polizei". Der Singer heißt „Chorist", weil er, wie es die chassidische Etymologie herausbringt, — Weil er könn nit singen, Ün kwitschet wie a Schtschor.3) Ün der Baß ritschet,4) heißt er Bassist. Die Schül nennen sie Tempel, „dawnet" einer, heißt es, er betet, das „Chanikalämpel" nennen sie Lampe, und „darschenen" nennen sie „gepredigt". Dafür aber sind die Deutschen im Sterben erträgliche Juden: Ich hob schöin gesehen a datschen Meß,5) Dus tut man schoin wie baüns alles, Nor dort müß er liegen zwei Mesleß,6) Aber man begrabt ihm mit a Tales,7) Datsche Tachrichim8) is gur nischt gemult, Jüdisch müß er gehn zünd der woiler Jüng. Nor der Kurisjüd9) geht die Burt gegult,10) Dus besteht schoin var allding. — Daß auch in Bezug auf reingeistige Kultur, ich möchte sagen Herzenskultur, sieh der Chassid himmelhoch über den Deutsch erhaben wähnt, erkennen wir aus „Der Chassid lacht" (IV. 104). Da stellt einer, sicherlich ein „Deutsch", ein Maskil, an seinem Geburtstage eine Betrachtung an über drei schöne Blumen, die seinem Leben flüchtig enteilen: „Drei Blumen scheine // seh ich vor mir schweben, // teuer is mir eine // in ihr hängt mein Leben" — er meint die Jugend, die trügerische Hoffnung und das Glück. Wenn die Jugend is entloffen, Ün man hot vün kein Glück gewüßt, Wus hot man noch zü hoffen, Es is alles gur ümsüst. Der Chassid verspottet diese Klagen und stellt dem egoistischindividuellen Gefühl des modernen Menschen, welches in Kummer und Alter nicht als Stütze dienen kann, das Massengefühl des Chassid entgegen, welches aus dem historisch gewordenen, von Herzinnigkeit und Gottesvertrauen getragenen, jüdischen Gottesdienst in Haus und Synagoge schöpft: x) Hebr. Sänger. — 2) Diakone. — 3) slav. Eatte. — 4) slav. brüllen. — ö) hebr. Leiche. — 6) hebr. zwei Tage. — 7) hebr. Gebetmantel. — 8) hebr. Leichenkleider. — 9) hebr. Friedhofjud. — 10) slav. rasiert.

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