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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 80

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 80 (sequence 16)
Language
German
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— 80 - sanftem Stabe das Volk leiten wolle. Ich haue, aber ich liebe! würde ein Moderner sagen. Die Aufschriften von Wölwels Schriften belehren uns auch über die Arten seiner Satiren und über das qualitative und quantitative Verhältnis derselben zu einander: Vier Bände sanfte, liebkosende, lächelnde Satiren; ein Bändchen .,Makel-ehowlim" züchtigende Satiren; ein einziges Heftchen: Romanie, blutigste, politische Satire. Wie von seiner Lyrik im engeren Sinne, kann man auch von Wölwels Satiren sagen: Dichtung und Leben verschmelzen bei ihm in eine Einheit. Sein Publikum war zugleich sein Held. Da saßen sie um ihn herum, gemütlich und froh, beim Glase Wein, die, welche er in schalkhaften, bald fröhlich ausgelassenen, bald in vor Wehmut zerfließenden Weisen besang: der Repräsentant des talmudischen Judentums, welchen er, ohne zu differenzieren, Chassid1) nennt, dus güte Koppel, der zwischen Haskala2) und Emunah3) herumpendelnde — „dus platsehike4) Meichel"5); der ganz entschieden europäischer G-esittung sich hinneigende Jude, „der Dätsch", über den der Dichter in herzerquickender, poetischer Gerechtigkeit, nicht minder die Schale seines Spottes ergießt, als über den Chassid. Und, diesen seinen Zuhörern und Helden unsichtbar, saßen in ihren Palästen, auf ihren, von unkritischer Volkslaune errichteten Thronen, mit geballten Fäusten und haßsprühenden Blicken, seine anderen, nicht minder gespannten Zuhörer und Leser: Die jüdischen Dynasten, die Eebbis von Sadagöra und Bojan, welche bei jedem gegen sie geschwungenen Geißelhieb sich wild aufbäumen mochten. Und auf dieser armseligsten aller Bühnen, in diese Urzelle aller modernsten Kabaretts, huschen an unserem geistigen Auge die interessantesten Kulturbilder, die höchst plastischen Gestalten aus dem jüdischen Leben in Osteuropa vorbei. Den meisten Eaum nimmt in Wölwels Satire der Chassid ein, der ihm schlechthin die Masse der osteuropäischen Juden vorstellt. Er verleiht diesem Typus eine Fülle dem Leben abgelauschter Züge, zeigt ihn uns in den mannigfachsten Situationen. Wir sehen ihn in gehobener Sabbatstimmung, in begeistert-prahlerischem Gespräch mit seiner skeptisch angelegten Ehehälfte. Wir sehen ihn im Hekdisch6); er erzählt uns seine Eindrücke aus Wien, er macht sich vor uns lustig über die religiöse Kultur der „Deutschen", gibt uns eine köstliche Vision der messianischen Zukunft zum Besten und macht uns zu Zeugen einer feucht-fröhlichen Pilgerfahrt zum Rebben. Der Hauptcharakterzug des Chassid ist heiteres Gottvertrauen. Seinen höchsten Stolz bildet seine gottesdienstliche Betätigung am Sabbat in der „Klaus". Voll ruhmredigen Selbstbewußtseins schildert er seine Klaustriumphe seiner Frau, welcher er die Sorge um Haus und Kinder überläßt, und die infolgedessen, zerdrückt und zermürbt, für die Poesie der x) Hebr. der Fromme. — 2) hebr. Aufklärung. — 3) hebr. Glaube. — 4) slav. flach. — 5) mit deutschem Suffix Gehirnchen. — 6) hebr. Armenhaus.

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