Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 3 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 79 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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— 79 — Sprache. In seinem Werkelten Sifse jscheno (Przemysl, 1874 s. oben) enthüllt uns Wölwel die geheimsten Fächer seiner Seele, das, was er der schaulustigen und unterhaltungssüchtigen Menge nicht preisgeben mochte, die Liebe zu seinem Vater, zur heilenden, tröstenden Einsamkeit, zur großen schönen Natur. In letzterer Beziehung gibt er uns in erhabener, biblischer Sprache und biblischem Gedankengange echt moderne kosmische Lyrik. Er wolle, sagt er im einleitenden Gedichte der erwähnten Sammlung, seinen Blick weder zum hochragenden Himmel und dem fernen Weltenrand erheben noch in die Tiefe der unermeßlichen Gewässer und der furchtbaren Wald wüste, allwo reißende Tiere ihr Wesen treiben, senken, sondern, zu Boden blickend, liebevoll die kleinsten Würmchen betrachten und das Gedeihen der .winzigen Blümchen bewundern. An einer anderen Stelle besingt er jenes geheimnisvolle Walten der unterirdischen Kräfte, welches durch die neulich erfolgten furchtbaren Katastrophen, — den Ausbruch des Vesuvs und das Erdbeben, dem San Francisco zum Opfer gefallen ist — die wir schaudernd miterlebt haben, uns besonders nähergerückt wurde. Der Erdrücken, heißt es in jener Stelle, ist mit Beulen und Blattern bedeckt. Feuer, Schwefel und Salz, das ist ihr eiteriger Auswurf. Die überfüllten Blattern stoßen den Eiter mit Krachen heraus, die Erdschätze bleiben aber im Innern wohlverwahrt. III. Am bedeutendsten ist Wölwel als Satiriker. Schon seine Lyrik zeichne sich häufig durch epigrammatisch zugespitzte Pointen aus. (Mit dem Maul zu reden, üm Geld zü machen, is beemes sehr schwer. Mein Leipzig ün mein Wien — is bei mir in man Moich — sagt von sich der Dichter, s. oben.) Hie und da läßt Wölwel, die lyrische Stimmung durchbrechend, auf Menschen und Dinge satirische Streiflichter fallen. So z. B., wenn er den Dichter bei den satten Philistern und Manichäern um Befriedigung seiner Lebensbedürfnisse werben und überall taube Ohren finden läßt. Oder, wenn er seinen Dichter aus der Enge der egoistischen Stadt zum Hirten aufs weite, freie Feld hinauspilgern läßt, wo ihn dieser anfährt: Ich bet dich, gib mir zü verstehen, Wie kümmst dü aher, Wenn dü willst Beheimis1) sehn, Hostü in Studt viel mehr. Den gewichtigsten Beweis aber für die Behauptung, daß Wölwel vor allem Satiriker sein will, bildet der Umstand, daß er seinen Gedichtsammlungen die Aufschriften: Makel-noam2), Makel-chowlim3) gibt. In der Vorrede zum ersten Teil gesteht er ein, daß er es in seinen Gedichten vor allem auf Verspottung der Verkehrtheiten des jüdischen Lebens abgesehen habe, daß aber seine Muse mit *) hebr. Vieh. — 2) hebr. sanfter Stab. — 3) hebr. züchtigender Stab