Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 3 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 78 — großen allegorischen Gedichte Langeweile und Unverständlichkeit fernzuhalten. Ein weises, lächelndes Verstehen aller Naturnotwendigkeit endlich bewundern wir in „Alles klugt, einer singt" (IV. 56). Schließlich ist Wölwel der Dichter des Judenschmerzes. Seine Zeitgenossen in der Moldau und in Bessarabien, eine Masse aus allen Gegenden Galiziens und Rußland hergelaufener Krämer, Unternehmer, Melamdim (Lehrer) und auch von Hause aus beschäftigungsloser Individuen lebte, bei leichtem, reichlichem Verdienst, leichtsinnig in den Tag hinein, höchstens dachte jeder nur an sich, an das Nächste, an die Nächsten, an die Kückkehr in das frühere Vaterland. Der Gemeinsinn war in dieser, durch keinerlei Art Traditionen verbundenen Gesellschaft ganz unentwickelt. Niemands Gedanken und Sorgen gingen über den nächsten Tag hinaus. Niemand dachte in den Tagen des Eausches an die Sicherung der Eechtslage der Juden in Eumänien. Dies hat sich später auch bitter gerächt. Wölwel durchschaute diesen äußeren Schein, das ephemäre Glück, er schrieb sein Lied des Judenschmerzes: „Der Träger" (IV. 34). Der Träger — das ist der von der Lebenssorge, vom Alter, von den grausamen Landesgesetzen schwer gebeugte Jude, den seine Bürde zu erdrücken droht. Auch hier ist die Einkeidung eine allegorische. Ein armer Mann wandelt klagend umher, die ihm aufgebürdete Last drücke ihn zu Boden. Den ihn verwundert um Bescheid Fragenden gibt er die Erklärung: Hör mich zü, sugt er, ich will dich machen klur, Auf die Pleizes1) trug ich schoin sechzig schwere Juhr Auf mein Kopf trug ich man Elend ün man Noit Die schwere Dage,2) wie nemmt man a Stückel Broit. Auf mein Hals trug ich, ich bin is niseht im Stand Ach! die schwere Gesetze vün dem Land, Auf man Maul trug ich a Schloß a schweren, Ich tur nischt reden, ich muß nur alles hören. Auch dieses Lied endigt, wie so viele bei Wölwel, mit einem zähneknirschenden Hinweis auf den Alltröster Tod: Er is geworen bald frei vün die Zures Ün liegt rühig auf dem Beis-hakwuris Ün hot geloßt seine Plagen, sein Wünd A schöne Jerische8) var sein Weib ün Kind. Wölwel trug seine Lieder im geschlossenen Gastzimmer, — wohl das erste Kabaret des Ostens — vor einem Publikum von praktischen Leuten, meistens Kaufleuten und Unternehmern vor. Von Naturempfinden war also in denselben wenig zu spüren. Wölwel besitzt dessenungeachtet starkes Natureiupfinden. Aber es ist das traditionelle jüdische Naturempfinden, welchem der von Alexander ven Humboldt so bewunderte 104. Psalm Ausdruck gibt. Wölwel enthüllt uns sein Naturgefühl einzig in der geliebten heiligen x) Slav. Bücken. — 2) hebr. Sorge. — 3) hebr. Erbteil.