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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 77

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 77 (sequence 13)
Language
German
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— 77 — weg in altjüdischer Anschauung wurzeln. Im Garten der Natur, führt Wölwel aus; irrt seit vielen Jahren ruhelos und unstet ein Mann umher, der ob der ihm auf jedem Schritte begegnenden Leiden der Kreatur fortwährend mit tränendem Auge Klage erhebt. Warum werden die vielen, mit allerlei Farben gezierten, unter demselben Himmel wachsenden Blumen vom Hüter des Gartens ungleich behandelt? Jene wachsen immer größer, Die hoben schoin in sich bald kein Leben, Weil er hüt ub jene besser, Auf die will er nischt Achtüng geben. Andere Blumen wieder werden durctfi die in ihrer Mitte wachsenden Dornen in ihrem Wachstum gehemmt, gar manche werden in ihrer Jugendblüte durch schlechte Menschen gepflückt oder diirch einen Sturm aus ihrem Mutterboden gerissen. Nur die Dornen bleiben unversehrt. Is denn nischt besser, zü sein a Dorn, Ehder a Blume, wus sie blüht? Auf den Klagenden kommt ein alter Mann zu, der ihn wegen der Kühnheit hart anfährt, die unergründlichen Beschlüsse des Bal-bus mit seinem schwächlichen Menschenverstände ergründen zu wollen. Frag nischt Brüder gur kein Schale,1) Könnst clu nit mit dein Seichel2) gur nischt verstein, Er ist klüger vün üns alle, Wus er tüt, weißt er allein. Der große Garten, das ist die Welt, die Blumen — Menschen aller Länder. Der Unzufriedene, das ist der Verstand, welchem das überall sich breitmachende Unrecht unbegreiflich erscheint. Die Guten, Fähigen werden durch die Schlechten verdrängt; kleine unschuldige Kinder werden früh hingerafft. Der alte Mann, welcher den unzufriedenen Nörgler zurechtweist, das ist der Glaube, der die Ansicht vertritt, der unerforschliche Plan Gottes sei der einzig richtige. Wus dir seht aus schlecht, Is chleben ales recht, Gott, wus er sitzt im Himmel, Er weißt güt, wus er tüt, Er macht alles güt zürn Eümmel, Der Seichel klärt ün werd bald müd, Un der Seichel bleibt bald stein still, Ich hob schoin, sugt er, gur nischt kan Tane,3) Loß sich Gott tün, wus er will, Es is doch sein Welt, nischt mane. — Durch die antithesen- und farbenreiche Sprache und dem wirklichen Leben entnommene Beispiele wußte Wölwel seinem *) Hebr. Frage. — 2) hebr. Verstand. — 3) Antwort, Entgegnung. 1

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