Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 3 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 76 — Oi wei, a Rüch1) in der Welt, Wemen sie benscht2) ün weinen sie schelt, Weinen sie legt, wemen auf die Füß sie stellt, Wemen sie hot feind ün vün wemen sie quellt, Wer es is bei ihr nimis3) ün wer ihr gefällt, Der Klüger, der Berie4) geit in die Häuser, Der Schoite,5) der Narr ist der ganzer Weg weiser. Oi wei a Rüch in der Welt, Bei wemen es steht an dus ganze Geld, Wemen verzehrt die Hitz ün die Kält, Wer weißt nischt zü sugen vün Mangel ün Noit, Wemen kümmt un bitter dus trücken Stückel Broit. Kegen alle groben Jüngen is sie sehr mild, Wus toigen die Chochmes,0) as dus Narrischkeit gilt. Die Leichtigkeit, mit welcher rücksichtslose Glücksritter im Euniänien der 60er Jahre zu Ansehen und Vermögen gelangen konnten, und die Unmöglichkeit, durch „Bildung und Charakter" allein vorwärts zu kommen, mögen Wölwels poetischen Ausbruch besonders veranlaßt haben. Das salomonische He wei - hawalim (vanitas vanitatum), sein klassischer Stoßseufzer über die Vergänglichkeit alles Lebendigen, findet kaum irgendwo einen so vollendeten Ausdruck, wie in den von tiefaufschluchzender Wehmut durchzogenen Strophen der Lieder „Das Beis-hakwuros"7) (I. 132) und „Der Leichenzug" (IV. 112). Uberhaupt ist „das Beis-kakwuros" mit seiner in zarten Molltönen das Herz in Rührung auflösenden, an ldie ruthenischen „Dumki" und die rumänischen „Frundzä"verde" erinnernden Melodie, noch heute eines der im osteuropäischen Ghetto am häufigsten gesungenen Volkslieder: Unter die Berglech, wenn dü sollst sehn, Faulen dort Beiner uhn a Schier, Senen gewesen auch asoi schön, Efschers; noch schöner vün dir. Zünd<J) machen die Wörm vün sei sich Machulim,10) Senen dazü gur gesehwoiren, Kinder, die Welt is gur a Chulim,11) Der Mensch ist zürn Starben geboiren. — Eine mustergiltige Version des salomonischen Predigers, sowie der seit dem Dulder Hiob erfolglos aufgestellten Frage: Warum ergehts dem Gerechten übel, dem Bösewichte gut? — Voll kaum verhehlter innerer Auflehnung, versteckter Skepsis und schmerzlicher Ergebung in das Unvermeidliche gibt uns unser Lyriker in seinem Unzufriedenen" (IV. 18), welcher mit seinem, von uns schon zitierten Refrain: „Ach, wie nemmt man dem Bal-bus" eines der beliebtesten und gediegensten Werke Wölwels ist, zugleich ein Muster volkstümlicher Gedankenlyrik, dessen Motive durchx) hebr. böser Geist. — 2) benedicere. — 3) hebr. zuwider. — 4) hebr. angesehene Person. — 5) hebr. Narr. — ö) Weisheit. — 7) hebr. Friedhof. — s) vielleicht. — 9) jetzund. — 10) hebr. Speisen. — n) Traum.