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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 75

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 75 (sequence 11)
Language
German
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— 75 — erbarmungsvolles Mitleid mit jeglichem Elend, Klage und entrüstete Aufwallung, hoffnungsloses Auflehnen und Anprallen gegen mitleidslose Naturgesetze, die sinnlose Weltkomödie von Glück und Unglück, die tiefen Lehren des Todes und am Ende Eesignation. die dumpfe, keineswegs mit der Ergebenheit des gewöhnlichen Grhefctojuden getragene, Ergebung in den unerforschlichen Katschluß Gottes. Da haben wir z. B. das in schwungvoller Sprache und klingenden Strophen mächtig vorwärtstreibende Lied: „Der Elender sücht die Küh" (I, 71). Das von tiefem Weh durchzuckte, in dumpfe Eesignation ausklingende Lied des auf den Tod verwundeten Menschenfreundes, welcher den brausenden Wind, das tiefe, rauschende Meer, den prachtvoll scheinenden Mond nach dem Orte fragt, wo das Unrecht aufhöre, der Fromme Euhe und Trost finde und der Gute nicht in Schmerz und Verzweiflung verkomme, und der von seiner Seele die Antwort erhält: Euhig lebt man im Himmel dort!1) Sug mir, ich bet dich, dü Wind, Dü schwebst doch auf der ganzen Welt, Weißt nischt, wü2) der Elender sich gefind, Zu rühen in Gezelt? Wü Eeziches8) hat aufgehört, M'hot keinmul nischt geklugt, Wü kein Oig hot nischt getrährt, Der Gerechter werd nischt geplugt? Der Wind schweigt ün bleibt still stein, Süfzt ün enfert: Nein! nein!4) In dem schon durch seinen kunstvollen Eythmus das Unstete und Unsichere wiedergebenden Liede: „Der Wanderer" (1,91) spricht sich tiefes Mitleid mit den in fremden Landen mißachteten und unverstandenen Heimats- und Euhelosen aus, welchen der Dichter rät, sich durch Mut und Verstand auch fern vom Vaterlande ihr Glück zu zimmern. Bist vün der Heim vertrieben, In Elend geblieben, Sorg nischt ün tracht nischt auf dem. A Mensch mit Verstand Werd bald bekannt, Umüdüm5) is sein Heim. Ein gellender Schrei der Entrüstung, ein mächtiges Aufwallen, eine wahrhafte Eruption lange verhaltener, siedender Gefühle, ein unerschrockener Protest gegen alle irdische Niedertracht — alles dies in die knappste Formel gebracht, ist das einzigartige Lied; „Die Welt" (I. 117), das sicherlich eines der kostbarsten Perlen der jüdischen, wenn nicht der Weltliteratur bedeutet: x) [Nachdichtung.] — 2) wo. — 3) hebr. Mord, Unrecht. — 4) [Ganz im 2. Heft uns. „Mitteilungen"]. — 5) Um und um überall.

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