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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 74

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 74 (sequence 10)
Language
German
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— 74 — liehe Dichtergaben schnöde ablehnen und mit brutalem Nachdruck für ihre Waren Geld fordern: — Sugt der Schneider, er darf kein Lieder, Es braucht nischt a jeder, Gib mir Geld guter Brüder, Un na dir Kleider. Wus toig mir Lieder, as konn kein Briewel Afili3) nischt verstein, Gib mir Geld, na dir Stiewel, Wenn dü willst nischt burwes gein. Schwört der Schenker bei sein Leben, Er versteht nischt kein Lied, Ümsüst mein Wein awegzügeben, Hob ich mech schoin ubgebrüht. Wölwel hebt aber auch die schönen Seiten des Dichterberufs hervor. Er fühle sich glücklicher — führt er im Epilog zum „Volksdichter": „Dem Dichters-Treist"*) — aus, als alle Geldfürsten und Großhändler; für seine Ware zahle er keinen Zoll; seine Hauptstapelplätze, sein Leipzig und Wien, seien bei ihm im Moieeh2); über jede schlechte Lage helfe er sich mit einem fröhlichen Lied hinweg: Wenn ich darf verzehren, Kein Geld hob ich nischt, Heib ich un zü klären,3) Ün mach mir ein Gedicht. Sogar, wenn alle Welt klage und weine und jedes Geschöpf sein Los verfluche, sei der Dichter mit dem seinen zufrieden. Man klugt ün man weint vün aUe Seiten, Un sei hoben ganz recht, Weil sei hoben schlechte Zeiten, Ün es geit sei ganz schlecht. Wenn sei senen vün weinen müd, Senen gur der schlugen, Singt der Dichter a freilich Lied, A Dichter könn nischt klugen. (Alle klugen, einer singt. IV, 64.) Seine ganze Größe als Lyriker aber entfaltet Wölwel vor uns, wenn er als Dichter des Weltschmerzes auftritt. Nicht jenes schwächlichen, süßlichen, sich selbst bespiegelnden Literaturweltschmerzes, sondern jenes auf dem Bewußtsein der Unzulänglichkeit und Vergänglichkeit alles Menschlichen beruhenden, wie ihn die erlesensten Geister, etwa ein König Salomo und Sophokles in unvergängliche Worte gekleidet haben. In den hieher gehörenden Liedern, den zahlreichsten in Wölwels Sammlungen, werden alle elementarsten und höchsten Gefühle der Menschenbrust ausgelöst: *) Trost. — 2) Gehirn. — 8) nachdenken.

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