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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 73

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 73 (sequence 9)
Language
German
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— 73 — A Mittel, an alles zü vergessen, Is nor clus Gläsel Wan. In Bezug auf Sänger und Gesang gibt uns Wölwel, dieser arme Sänger des Ghettos, kaum minder kostbare Selbstbekenntnisse, als die allermodernsten Dichter. Mannigfach ist die Art und Weise, wie er den Dichter und sein Schicksal unserem Empfinden nahebringt. Häufig kehrt bei ihm die Klage wieder, daß die Gesellschaft den Dichter nur insofern gelten lasse, als er ihr Lust bereite, daß sie ihn knechte und seinen Flügelschlag lähme. „Die Nachtigall" (I, 17) ist das unübertroffene, getreue Konterfei des in seiner Entwicklung gehemmten, unfreien, nur fremdem Vergnügen dienenden Dichters. Es ist ein aus tiefster Seele, in machtvollen Worten hervorbrechender Verzweiflungsschrei, der als wTahre Erlösung einzig das Grab erscheinen läßt. Ach, ich sehe dort Vögel fliehen, Un kük zü mit die Oigen, Ich wollt gern nuchgetün, Wie sei hoich gefioigen, Ich wollt gern auch genossen, Die frische Luft wie sei, Ich bin doch aber fest verschlossen, Wünd is mir ün weih! Wölwel entlockt hier der armen, verachteten Sprache des Golus1) die lieblichsten, ergreifendsten Töne, — die Melodie, die der musikalisch ungebildete Dichter seinem Liecle eingehaucht hat, läßt noch heute, nach 40 Jahren, kein Auge tränenleer, — die treffendsten, mannigfaltigsten Bilder, um zuletzt seinen klassischen Sang in eine Schilderung der menschlichen Seele ausklingen zu lassen, die mit den „Lebensstricken" an ihren Körper gebunden ist. In ähnlicher Weise zeigt er uns in der „Goldenen Uhr" (I, 29) den Dichter als Luxus- und Prachtstück der Mensehenwrelt, dessen Wert nicht in ihm selbst, sondern in dem Nutzen liegt, den er flu* andere vorstellt: Dus is a Beispiel gegen Menschen auf der ErcV, Kein Mensch darf ruhen, wer es ot a Wert. Derselbe Grundgedanke zeichnet das Lied „Der Volksdichter" (I, 44) aus, welches ganz besonders autobiographischen Wert beanspruchen darf, weil uns hier der Dichter Einblick in seine alltäglichen Sorgen gewährt. — „Mit dem Maul zu reden und Geld zu machen — is beemes2) seier schwer*'; — der Dichter muß überall Sachverständige mitführen, sonst winke ihm kein Erfolg. Zuletzt bietet uns Wölwel den Stempel des Selbsterlebten tragende, plastisch herausgearbeitete Szenen — prachtvolle Genrebildchen — bei Schneider, Schuster und Gastwirt, die in ihrer Verstocktheit sämt- *) Hebr. Exil. — 2) wahrlich. — 3) aramäisch: sogar.

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