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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 72

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 72 (sequence 8)
Language
German
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— 72 — leben lassen, sondern unablässig zum Tragen der uralten Last und des täglich sieh erneuernden Kampfes dressieren. Wölwels Muse kennt, ebenso wie die anderen Haskaladichter, weder die Frau als Geliebte noch die Frau als Mutter. Die einzige Frau, die bei ihm plastisch herausgearbeitet erscheint, das ist die nicht besonders ästhetisch anmutende Frau des in Klausleben und Mizwot1) aufgehenden Chassid, die alle nicht erreichbaren und in Brot und Fleisch sich verwandeln lassenden Ideale verlacht und abgehärmt und ausgehungert, wie sie ist, von ihrem Manne nichts als Parnosse2) verlangt (Der Chassid mit sein Weib im Sabbath IV. 116). Die Liebe kommt also, wie wir sehen, bei Wölwel wenig auf ihre Rechnung. Mehr schon der Wein. In einer Eeihe von Gedichten fordert uns Wölwel auf, sich in der schnell hinschwindenden Jugendzeit nichts zu versagen, sich auszuleben, Glück und Unglück mit Fassung entgegenzunehmen: Xor sich alles nuchzügeben, Wus euer Herz nor glüst, Wenn die jünge Juhren aweg schweben, Is alles gar ümsüst. (Güt zü leben, niseht zii sorgen, I. 37.) Er tadelt das rastlose, niemand zu Nutz, jedermann zu Schaden gereichende Jagen nach Gut und Geld, deckt in prächtigen, wechselnden, antithesenreichen Eythmen den Gegensatz zwischen dem lachenden Gesichte und dem blutendem Herzen der scheinbar Glücklichen auf: Es is a Pracht, Wenn dus Punim3) lacbt Mit sein stolzen Schmüs,4) Sein Harz is bitter, Un seine Güter Macben es niscbt süß. Hie und da entzückt uns Wölwels Aufforderung, zufrieden und sorglos zu leben, den Wert des Augenblickes zu schätzen, durch echt aristophanische Leichtigkeit. Die schwerste Zure5) wägt a loit,6) Wenn ihr sent noch du, Deraiant euch gur niscbt in dem Toit Bei der guter Sehu.7) Echter Frohmut ist in diesen Liedern nicht. Schauen wir näher hin, so grinst uns das gramverzerrte Gesicht eines vom Unglück gebeugten Menschen entgegen, dem laute Gelage nur Mittel sind, sich zu betäuben: Nor zü trinken ün zü essen, Zü hülen8) is mein Plan, x) Klaus die Betstube der Chassidim, Mizwot religiös-rituelle Pflichten. — 2) hebr. standesgemäße Erhaltung des Hauses. — 8) Gesicht. — 4) hebr. Rede. — 5) hebr. Sorge. — G) Lot. — %') hebr. Stunde. — s) slav. sich lärmend unterhalten.

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