Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 3 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 71 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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— 71 — Ach dü heilige Blume, Bist ewig jüng ün schön, Nor Menschen die dumme, Willen dich gur nischt verstehen. Ün wenn ich wer bei mir gefallen, Wenn mein Seele werd verschlafft, Schlugst dü auf mir deine Strahlen, Beküm ich wieder neue Kraft. Er betrachtet es als ein Unglück, durch die Zeitumstände gezwungen zu sein, sich von der Herrlichen bedienen und ernähren zu lassen. — Im Leben gab Wölwel zahlreiche Beweise dafür, daß er, wie jeder echte Dichter, den Freuden des Daseins treulich zugetan war. Wir finden bei ihm nur ein einziges Liebeslied (Der Unglücklicher Verliebter, IV. 108) und eine einzige Erwähnung einer nie vernarbenden Liebes wunde (ib. 34). In diesem Liebesliede finden wir weder das orientalische, sengend heiße Gefühl aus dem Hohen Liede, noch die romantische, aus Nebel und Dult gewobene Schwärmerei der ersten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts, es ist auch nicht der tändelnde, kokette Flirt, das Spielen mit dem Feuer der neuen Zeit, — nein, es ist das verschüchterte Gefühl eines „ngidischen"x) Ghettojüngeis, welches man verhätschelt, mit allem Komfort umgibt, dem man alles von den Augen abliest, für das man aber die Liebe als etwas Überflüssiges, Unjüdisches betrachtet. Deshalb gewahren wir hier auch nur eine Sehnsucht nach dem Gefühl, der Gegenstand der Liebe bleibt nns unbekannt: Der Liebe Stimme mit schönem Gesang Hör' ich vün jedem Eck, Nuch jedem Tug, was geit aweg, Tüt mir seier bang — Mein ganz Vermögen gib ich aweg, Nor var ein Augenblick, Es mög' vün mir sein demelt ein Eck, Ich will chotschi2) starben in Glück, Der Mensch weißt vün kein Leben gur, Chotschi es geit ihm güt, Der Mensch könn leben achzig Juhr, Ün lebt nischt ein Minüt. Das Gefühl bleibt unbefriedigt, der Stachel bleibt zurück für das ganze Leben: In mein Herz trug ich Weib ün Kind, Ün vün der Liebe noch mein alte Wünd. Wir ahnen hier eben die Tragödie des ostjüdischen Kindes, welches liebende Eltern, selbst unter dem Drucke eines vieltausendjährigen Herkommens und des Kampfes ums Dasein, sich in nichts ausx) Hebr. von gutem Hause. — 2) slav. choc wenigstens.