Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 3 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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nahegestanden, liebte er es, in den unteren, armen Volkskreisen zu verkehren. Von seinem oft bedeutenden, versteht sich, wie gewonnenen, so zerronnenen Einkommen machte er den edelsten Gebrauch. Es kam vor, daß er an einem Abende 50 bis 60 Dukaten verdiente, welche er sogleich an Arme verteilte, so daß er am nächsten Morgen kaum sein bescheidenes Frühstück bezahlen konnte. Wölwel Zbarazer trat in den Weinstuben und Gastwirtschaften, wo sich seine Gönner und Anhänger um ihn zu scharen pflegten, nie mit einem bestimmten Programm auf. Seine Muse war ein Kind des Augenblickes, der Begeisterung. Da saß er oft im Freundeskreise bei einer Flasche edlen Weines, stundenlang vor sich hinstarrend, um dann einer. Aufforderung ein gegebenes Thema zu behandeln, Folge zu leisten und ein formvollendetes Lied samt hebräischer Übersetzung in einer intuitiv gefundenen Melodie vorzutragen. Wölwel werden eine Unzahl Bonmots zugeschrieben, er ist auch der Held zahlreicher, meist humoristischer Episoden, die ihn als einen Mann darstellen, welcher der bekannten Trias: Weib, Wein und Gesang besonders ergeben war. Im Grunde genommen war er ein tieftrauriger, am Daseinselend schwer leidender Mann. Eine schlanke, kräftige Gestalt, ein interessanter, blonder Kopf, später mit stark gelichtetem Haar; ein blaßes Gesicht mit seelenvollen, blauen Augen, die gleichzeitig tiefen Ernst und das souveraine Lächeln des Humoristen wiederspiegelten. Bemerkenswert ist eine Anekdote, welche berichtet, wie Wölwel zu seiner Frau gekommen sein soll. Zwei Mütter bewarben sich um das Glück, den 18jährigen Hluj1) als Bräutigam ihrer Tochter zu gewinnen: einerseits die noch immer schöne Perele, die Frau eines Amtskollegen von Wölwels Vater und Mutter der schönen Chawcia, für die Wölwel eine geheime Liebe hegte; andererseits die „Mühme Genender4, die Frau des Zbarazer Bürgers Nachman Knödel, eine überall gefürchtete Hexe und Allerweltsversorgerin, welche mit ihrem Manne und ihrem Ebenbilde, einem stumpfnasigen Töchterchen Niusiuniu, Tür an Tür mit Wölwels Eltern wohnte. Eiu Wettkochen der beiden Konkurrentinnen sollte die Entscheidung bringen. Am nächsten Erew-Pesach2) sollte die schöne Chawcia, deren kulinarische Kenntnisse recht bescheidene waren, in der Wohnung von Wölwels Eltern für dieselben die üblichen Knödel und „Kügelech" zubereiten, während Genendels Töchterchen, eine in dieser Beziehung in Zbaraz anerkannte Autorität, die eigenartigen Amorgeschosse bei sich zu Hause verfertigen sollte. Zur kritischen Zeit konnte es Wölwel zu Hause, angeblich wegen der unerträglichen Eäumerei, nicht aushalten. Er ging also zu Genendel hinüber, um ein paar Stunden über eines von Nachman Knödels Büchern hinzubrüten. Da erschallt von draußen der Schreckensruf: Feuer! x) Hebr. Genie. — 3) Rüsttag des Osterfestes.