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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 68

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 68 (sequence 4)
Language
German
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— 68 — Da beschloß er, anfangs der 50er Jahre, sein poetisches Talent auszuüben und seine Gedichte in jüdisch-deutscher Sprache und hebräischer Übersetzung öffentlich — zunächst wohl nur in exklusiven Kreisen von eingewanderten Maskilim1) — zum Vortrage zu bringen. Durch die Hinzufügung der hebräischen Übersetzung wollte er sich offenbar von den damals zahlreichen jüdischen fahrenden Sängern unterscheiden, welche alles Wissens bar waren und der Hefe des Volkes angehörten. Wölwel fühlte sich nämlich stolz auf seinen Dichterberuf und seine gute Herkunft. Es verursachte seiner vornehmen Gesinnung unerträglichen Schmerz, seine Muse, die Königstochter, der blöden Menge preiszugeben: Da sprach ich: „Besser in Einsamkeit Hunger und Mangel leiden, als meine Fürstin, die hebräische Sprache zur Magd erniedrigen" (ib). Auch das mitleidige Achselzucken und Augenzwinkern seiner Gönner unter den Maskilim, die doch seine Lieder hochschätzten, mußte ihn tief verletzen. Nichts destoweniger wurde er bald weit und breit berühmt. Seine Lieder wurden überall gesungen, und es fanden sich bald Nachahmer oder, besser gesagt, gewöhnliche literarische Freibeuter, welche den Text korrumpierten, verdrehten oder ganz einfach sich ihn aneigneten. So mochte es denn vorkommen, daß er in gar mancher Stadt, wo er noch nicht bekannt war; beim Vortrage seiner Lieder als Plagiator insultiert wurde, da inzwischen ein Unbekannter mit seinen, Wölwels Liedern, Geld und Ehre -davongetragen hatte. Er sah sich also gezwungen, seine Lieder zu sammeln und in Druck zu geben. Seine erste, unvollständige, rein hebräische Sammlung führte den Titel Chason l'moed (Zeitgenössische Visionen, Jassy 1856) und enthält wertvolles Material für die Kenntnis von Wölwels Werdegang: Seine innere Befreiung, die seitens der Chassidim ausgestandenen Verfolgungen. Die vollständige Sammlung „Makel-Noam"2) erschien in Lemberg 1869—1878 bei Berl Lurie und Karl Budweiser im Selbstverläge des Verfassers. Diese unschätzbaren Liederperlen konnten damals, wo Wölwel noch das Unglück hatte, ein lebendiger Dichter zu sein, in Galizien keinen Verleger finden. Nach langen Irrfahrten in Eumänien und Eußland und nach einem kurzen Aufenthalte in Lemberg im Jahre 1874, in dem er bei Zupnik in Przemysl seine klassisch-hebräische Gedichtsammlung "^iö herausgab, starb er 1884 (nach Angabe seiner Anverwandten 1878) in Konstantinopel. Seine letzten Lebensjahre wurden durch die reine Liebe einer in den dortigen österreichischen Kreisen wohlbekannten jüdisch-polnischen Kameliendame, der schönen Malkale, versüßt, welche ihrem toten Dichter ein herrliches Grabmal auf dem israelitischen Friedhofe in Galata errichten ließ. Nach übereinstimmenden Meldungen zahlreicher Personen, die ihm x) So nennt man im osteuropäischen Ghetto die „Aufgeklärten". ^Makel-Noam, Volkslieder in jüdisch-deutscher Mundart mit hebräischer Übersetzung von W. Ehrenkranz Zbarazer.

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