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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 67

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 67 (sequence 3)
Language
German
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— 67 — Leider sind uns Wölwels Lebensumstände nur unzureichend bekannt. Obgleich erst 23 Jahre seit seinem Hinscheiden vergangen sind, hat sich bereits um seine Person ein Kranz von Sagen gewoben, schreibt man ihm eine Unmasse von Bonmots zu, die größtenteils ins Gebiet einer freiem, dem orthodoxen Juden noch heute verpönten Lebensweise hinweisen. Die wenigen, im Folgenden mitgeteilten Einzelheiten verdanke ich drei höchst liebens- und achtungswerten Persönlichkeiten: dem noch rüstigen und lebensfrohen greisen Zbarazer Bürger Jesaias Blaustein, einem Alters- und Zeitgenossen Wölwels, dem Herrn Schuldirektor Salomon Ehrenkranz-Hermannsstadt, einem Neffen des Dichters, und endlich dem hochverehrten Mitredakteur des „ Jarden", Herrn Dr. Eliahu Kokach aus Jerusalem. Außerdem wurde mir von einem . anderen Neffen des Dichters, dem hiesigen Ingenieur Herrn Joachim Ehrenkranz, ein großer Teil von dessen Korrespondenz sowie auch mehrere Originalmanuskripte zur Verfügung gestellt. Wölwels Geburtsstadt, das galizische Zbaraz, welchem in der polnischen Heldengeschichte des 17. und 18. Jahrhunderts ein Ehrenplatz gebührt, liegt in der Nähe der beiden Hochburgen der galizischen Haskala, Brody und Tarnopol. Der erste Apostel der galizischen Haskala, Mendel Levin, ein Zeitgenosse und Freund Mendelssohns, entstammte einer Zbarazer Familie. Hier wurde Wölwel 1819 als Zweitältester Sohn des durch seine Gelehrsamkeit und Frömmigkeit allgemein geschätzten Mosche Schochet1) geboren. Schon in seiner Jugend zeichnete er sich durch große geistige Fähigkeiten und seltenen Witz aus. Er genoß die damals im Ghetto übliche Erziehung und konnte sich — ebenfalls dem Zeitgeiste gemäß — Brocken europäischer Bildung nur im Geheimen, in irgend einem versteckten Kämmerchen aneignen. Mit 19 Jahren verheiratet, trennte er sich bald von der ihn in seiner Entwicklung behindernden Frau, von welcher noch die Eede sein wird, und wanderte nach Eumänien, dem damaligen Eldorado der osteuropäischen Juden aus. Er versuchte es zuerst mit dem Handel, erlitt aber darin Schiffbruch (s. d. hebräische Vorrede zum ersten Bande seiner VolksKedersammlung Makel noam [sanfter Stab], Lemberg, Lurje 1869) und wandte sich dann der damals in Eumänien lohnenden Beschäftigung eines „Melamed" und „Schreibers44 oder „deutschen Lehrers" zu. Auch hierin konnte er, wahrscheinlich wegen Verfolgung durch die Chassidim,2) weder innere Befriedigung, noch ein hinreichendes Auskommen finden. Über diese Phase seines Lebens sagt er in der erwähnten Vorrede: „Auch die gelehrte Zunge, welche mir Gott geschenkt, um die Knaben der Söhne Israels im Buche zu unterweisen, stand mir nicht bei in der Moldau, dem Erstlinge meiner Kraft.....Die verfluchte Lehrerei wurde mir untreu....." 1) KitueUer Schächter. — 2) Chassidim (Fromme) eine in der ersten Hälfte des 18. Jh. entstandene Eichtung des osteuropäischen Judentums. 5*

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