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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 3 (1909) · p. Seite 66

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
3 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 66 (sequence 2)
Language
German
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— 66 — die andere aus einem Volksliede, welches die unbefriedigte Liebessehnsucht eines jüdischen Mädchens zum Ausdruck bringt: Nägelech ün Röselech — wachsen in Gurten, Ch'ob g'wolt a Kalle1) wem — Is mir nit geruten. — Als Brody, der zweitgrößte Sitz des galizisch-jüdischen Humanismus, ein Welthandelsplatz wurde, bildeten sich dort ganze jüdische Sängergesellschaften, welche in Weinhäusern ihre Lieder in deutsch-jüdischer Mundart vortrugen. Die „Brodyer Sänger" waren damals in der ganzen jüdischen Welt hochberühmt. Der bekannteste Sänger unter ihnen war der in der ersten Hälfte des 19. Jh. lebende Berl Broder. Ihr Stoff war das gesamte jüdische Leben, vornehmlich das Gesellschafts- und Handwerkslied. In der Nähe von Brody, in der alten Stadt Zbaraz, sollte nun eine Persönlichkeit erstehen, welche die damals herrschende, bis dahin einzig in hebräischem Gewände auftretende Haskalapoesie2) ins Volk einführte, ihr aus der Volkssprache, dem Volksleben und Volksdenken neue Säfte zuführte und auf diese Weise den seit dem 16. Jh. für die anspruchslosen schriftlichen Erzeugnisse der untersten jüdischen Schichten benützten Jargon zum erstenmal literaturfähig machte: Wölwel Zbarazer oder, wie sein voller Name lautet: Wolf Ehrenkranz Zbarazer. Wölwel Zbarazers Liedersammlungen stellen, obwohl seit ihrem ersten Erscheinen kaum 36, beziehungsweise 28 Jahre verflossen sind, gegenwärtig bibliographische Seltenheiten dar. Die darein gebannten Lieder aber sind von dem toten Papier ins Volk hinausgeflattert und wieder lebendiger Gesang geworden. In allen Ghettos des Ostens schwirrt sie und summt sie, die schwermütige Weise von dem gefangenen, gefiederten Sänger, dem Dichter überhaupt: Bitter 5s mir asoi wie Gall, Wie Gift vün die Schlangen, Klugt ün weint die Nachtigall, Wenn sie werd gefangen — oder der revolutionäre, in Resignation ausklingende Refrain aus dem Liede „der Unzufriedene": Ach, wie nemmt man den Baibus,3) Ich will mit ihm red'n a Wort, Ich will ihm fragen, wus is dus, Wus git er nischt Achtüng auf dem Ort? oder endlich, die frisch einsetzende, in medias res führende Ouvertüre zum „Bankrott": Der Herr Gott sitzt auf sein Stühl Nischt weit von dem Ganeden4) — *) Braut. — 2) Unter Haskala versteht man die unter Mendelssohn entstandene, in Galizien zur Blüte gelangte hebräische Humanistenliteratur. — 3) Hausherr, Bürger. — 4) Paradies.

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