Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 2 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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— 63 - Bücherschau. Eine neue Bibelansgabe.1) Vor kurzem ist der erste Band eicer neuen Bibelauegabe fertiggeworden, die, wenn sie so fortschreitet, woran bei dem rühmlichst bekannten Westermannschen Verlage nicht gezweifelt werden kann, ungeteiltes Lob ernten wird. Vielleicht wird sich manches Gemüt in seiner Pietät gegen die heilige Schrift dadurch verletzt finden, daß hier die Bibel als Klassikeraupgabe neben den anderen Klassikern angekündigt wird. Aber jetzt im Zeitalter der Umwertung aller Werte, wäre es seltsam, wenn das ewige Buch von einer solchen Umwertung verschont bliebe. Und für die Jnden insbesondere, die für die Bibel so viel gelitten haben, muß es eigentlich ganz gleich sein, ob sie als Erbauiu-gsbuch oder als Meisterwerk der Weltliteratur gelesen wird. Die Hauptsache ist, daß sie überhaupt gelesen wird, in welchem Falle ihre veredelnde Wirkung nicht ausbleiben kann. Und die prachtvolle Ausstattung, in der uns die vorliegende Bibelaus^abe erscheint, ist dazu geeignet, die Bibel auch dem verwöhntesten Modernisten interessant zu machen. Ich bin deshalb fest überzeugt, daß diese Ausgabe ihren Zweck, die Bibel mit ihren reichen Schätzen für Gemüt und Geist in jedem gebildeten Hause wieder heimisch zu machen, nicht verfehlen wird. Der Ausgabe liegt die bekannte Keuß'sche Ubersetzung zugrunde, die Rahlwes mit kurz gehaltenen und dennoch leicht verständlichen religionsgeschichtlichen Einleitungen versehen hat. Besonders tragen die übersichtlichen St offeint eilungen zum Verständnis des sonst auf den Uneingeweihten etwas verwirrend wirkenden Textes bei. Der Haupt wert der neuen Bibelausgabe liegt selbstverständlich in ihrem illustrativen Teil. Und hier hat der Verlag in E. M. Lilien eine Kraft gewonnen, deren Urwüchsigkeit und Charakter anläge für eine künstlerische Bibelausstattung wie geschaffen ist. Selbst traditionell jüdisch erzogen, sucht Lilien in den meisten seiner Werke den traditionsfesten, gesetzestreuen Juden dem europäischen Menschen verständlich zu machen. Und zwar haben wir in Lilien nicht nur einen Juden als Künstler, sondern einen Künstler, dem das Nationaljudentum mit seinen Bestrebungen nahe am Herzen liegt. So sehen wir auch an dieser Bibelausgabe, daß es Lilien in erster Linie nicht darauf angekommen ist, die Bibel nur auszustatten, sondern darauf, die Bibel als jüdisches Eigentum erscheinen zu lassen, ihren jüdischen Charakter scharf zum Ausdruck zu bringen. Uberall, wo es nur angeht, treten als Vezierungen auf: Davidsschilde, hebräische Inschriften, die Menorah, segnende Priesterhände, die manchem christlichen Leser vielleicht unverständlich bleiben werden, dem jüdischen aber alte Bekannte und ständige treue Lebensbegleiter sind. Wenn vielleicht manches im Text dem gesetzestreuen Juden mißfallen wird, so ist der zeichnerische Teil dazu geeignet, versöhnend zu wirken und jede Unzufriedenheit zu tilgen, denn wir haben es hier, was Stimmung und nationales Gefühl anbelangt, mit einer echt jüdischen Bibelausstattung zu tun. Besonders neu und anmutend sind die Zierleisten, deren Motive den Punktationszeichen und den Formen der quadratischen hebräischen Schrift entlehnt sind. Im allgemeinen operiert Lilien meistens mit sehr einfachen Mitteln, deren Wirkung aber zuweilen großartig ist Wie einfach und sinnig zugleich ist z. B. der Gedanke, das Zehngebot in einem Kähmen von Vergißmeinnicht zu geben. Was die eigentlichen Zeichnungen betrifft, so sind sie in Beziehung auf Gegenstand und Milieu volkskundliche Wahrheiten. Man merkt es auf jedem Schritt und Tritt, daß der Künstler sich längere Zeit in Palästina aufgehalten hat. Das orientalische Leben der Jetztzeit ist bei der konservativen Art der Bevölkerung wohl kaum weit von dem der Patriarchen entfernt. So i) Die Bücher der Bibel. Herausgegeben von F. Rahlwes, Zeichnungen vou E. M. Lilien. Erster Band: Überlieferung und Gesetz. George Westermaan, ßraunacbweig.