Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 2 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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— 62 — die ihr Mozarts Harmonien, zu schön für die Erde, jetzt in frohem Kreise neidisch behorchet, o! wenn euer verwöhntes Ohr sich nur nicht zur Sphäre eures jüdischen Aftersehülers gesenkt hätte, der die Meisterarie: „Bei Männern, welche Liebe fühlen", zuerst einfach, dann mit Veränderungen und unter beständiger Nachahmung obiger Instrumente aus seiner Kehle herauskreischte. — Das Ende dieser Arie bestimmte unsern Ausgang aus dem Gotteshause, wie den Abtritt des von vielen belachten Sängers, der sich in seinem musikalischen Enthusiasmus so sehr angegriffen hatte, daß ihn eine Ohnmacht anwandelte."3) Das hier geschilderte Imitieren musikalischer Instrumente mit Hilfe der Kehle war eine traditionelle Spezialität einiger dieser wandernden Sänger. So zog noch um 1880 Chazkel Eogawer jahraus jahrein in der Provinz Posen und Schlesien umher, bei seinen Gesängen Klarinette, Flöte und Trompete imitierend. Dabei besaß er noch die Kunstfertigkeit, wenn er mit vorgehaltener Hand sein Gesicht teilte, mit dessen einer Hälfte zu lachen, mit der anderen zu weinen.2) Doch diese wandernden Chasanim begnügten sich nicht immer mit dem bloßen Nachahmen musikalischer Instrumente beim Singen, sondern manchmal begleiteten sie ihren Gesang — auch beim Gottesdienst — mit einem wirklichen Instrumente. (Schluß folgt.) Ignaz Bernstein Gustav Tuch Fast gleichzeitig sind uns im Januar d. J. zwei Männer entrissen worden, deren einem die Wissenschaft der jüdischen Volkskunde, deren anderem die ihrer Pflege gewidmete Gesellschaft in Hamburg wirksame Förderung zu verdanken haben. Bernsteins Sprichwörtersammlung wird für alle Zeiten, als willkommene Ergänzung zu Günzburg-Mareks jüdischen Volksliedern, dem Folkloristen reiche Ausbeute bieten. G. Tuch war es, der des Unterzeichneten Anregung zur Gründung der Hamburger Gesellschaft sogleich mit der begeisterten Tatkraft aufnahm, die er jedem Unternehmen widmete, das ihm für die Erkenntnis oder die Festigung des Judentums ersprießlich schien. Bernstein, das Wahrzeichen des edelsten polnischen Judentums, Tuch, der jüdische Deutsehe vornehmsten Typs, beide werden jedem, der sie zu würdigen wußte, zu den wertvollsten Erlebnissen zählen. M. Gr. *) Monatsblätter für die Provinz Posen. I. S. 121 f. *) Gef. Mitteilungen des Herrn OberkantorB Hofstein.