Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 2 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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— 61 — Das anschaulichste Bild von der Sangweise der alten Chasanniin aber gewinnen wir ans einer Schilderung des Königsberger Konsistorialrats Hennig, der 1797 Schlesien und Sachsen bereiste, und seine Reise in Briefen beschrieben hat.1) Aus Kempen meldet er da u. a.: „An einem Freitagsabende besucht' ich auch das Gotteshaus der hiesigen Judengemeinde. Ich hatte Mühe das Lachen zu verbeißen. Der einstweilige Kantor machte mir diese Mühe. Er war ein Durchreisender und, wenn er seinem Publikum in vollem Glanz als Virtuose auf seiner Kehle erscheinen wollte, so konnte er zugleich seine Nebenabsicht nicht verbergen, den ehemaligen Kantor, der eben abgesetzt war, auszustechen. Ich war schon in Kempen, da eben dieses ehemaligen Kantors halber die ganze Judenschaft sich untereinander entzweite. Ein Teil derselben war für, der andere gegen ihn. Das Hauptgravamen des letzteren beschuldigte ihn vieler Handlungen, die einem orthodoxen Juden nicht geziemen; z. B. am Sabbath, und sogar in Gesellschaft der Christen, Tabak geraucht, Karten gespielt zu haben usav. Der erstere als der aufgeklärte und nachsichtige Teil übersah diese Fehler ihres Geistlichen, weil man seiner Geschicklichkeit im Unterrichte und seiner gewissenhaften Abwartung des Gottesdienstes Gerechtigkeit wiederfahren lassen müsse. Der Streit zwischen den Parteien war endlich so arg, daß man Spaltungen in der Gemeinde befürchten konnte. Der Commiss. loci Kriegs- und Steuerrat (Vellhagen) tat daher alles Mögliche zur Vergleichung beider Parteien, und endlich gelang es ihm, sie dahin zu vereinigen, daß der Kantor abgesetzt wurde und ihm, bis zu einer Versorgung, monatlich 10 Taler aus der Gemeindekasse ausgezahlt werden sollten. Um die gegenwärtige Stimmung der Parteien aus ihren Mienen abzusehen, ging ich mit einem Freunde in die Synagoge. Man beehrte uns mit einem Sitze, auf welchem wir den reisenden Virtuosen gerade vor uns hatten. Nach Beendigung eines allgemeinen Gebets, begann der Herr Kantor ein Präludium auf seiner Kehle. Den Zeigefinger der rechten Hand an die Kehle drückend, die Augen krampfartig zukneifend, den Kopf hin und her schaukelnd, die Lippen in alle nur möglichen Falten zwängend, presste er aus seiner gellenden Kehle Anglaisen, Quadrillen und Schleifer in der zweigestrichenen Oktave hervor. Ein kleiner Junge winselte dazu schüchtern eine Art von Sekunde und ein 3. bejahrter Ebräer orgelte mit philosophischem Wohlbehagen seinen nieselnden Baß. Aber unser Held wollte nicht allein ein Vokalsondern auch Instrumental-Konzert geben. Sonach griff er seine Kehle abwechselnd in den Flöten-, Hautbois-, Violin- oder Horn-Ton, und wenn ihm die Passagen zu hoch stiegen, bot ihm das Fagott seine Hülfe. Dergleichen Präludien 7 wovon jedes gegen eine Viertelstunde dauerte, hörten wir drey. Endlich bei dem vierten stieg das Thermometer unserer Gleichgültigkeit bis zum höchsten Punkt. Himmlische Pierinnen! *) Reise in Schlesien und Sachsen. In Briefen an einem Kurländer und einem Preußen von Ernst Hennig. Königsberg, 1799.