Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 2 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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— 60 - Baruch scheamar zur Erscheinung. Hierüber berichtet schon der 1500 geborene Ant. Margaritha:1) „zu Regenspurg vnd auch anderswo, haben sie den gebrauch, das sie dieß gebett in summerszeit eine gantze stunde lang syngen, wie ich denn solliches manches mal von meinem bruder gehört hab, das er dießes gesang vberflüßig wol gesuugen hat, denn er ist ein guter Musicus bei den Juden." Ganz ähnlich berichtet dies auch der 100 Jahre später lebende Dietr. Schwab:2);;Zu Franckfurt vnd anderswo, da viel Juden versamblet seyn, singen sie dieß Gebett ein gantze Stundlang, wie ich dann solches nit allein von ihnen gehört, sondern auch, da ich noch im Judischen Irrthumb war, offt selber zu allen hohen Bäumen mit gesungen hab. Vnd sie pflegens auch nach der Music und etlichen Stimmen anzufallen vnd auszuführen." Behufs Dehnung der Worte beim singen, fügten ihnen die Chasanim Laute wie: hahaa, tralala etc. ein, so daß z. B. die Worte: Hagibor lanezach wrehanora etc. klangen wie: Hahahaaha haaha hagibor tralala tralala teteralalahmhmhm lalalomeehehezach lateteralala teteralalahmhmhm vehaahahaahanoooro tititititi usw."3) Was die eigentümliche Stellung beim Singen anlangt, so steckten die Chasanim nicht, wie Schudt sagt, die Daumen in die Ohren, sie legten die Hände hinter die Kinnbacken, wohl weil man früher der Meinung war, daß dadurch höhere Töne gefaßt werden könnten. Diese Sitte, die ja auch der Schulchan Aruch sanktionierte,4) hat im 18. Jahrhundert eine kleine Literatur hervorgerufen. In einem der dahin gehörigen Schriftchen, dem 1724 erschienenen: rnrrnn^, klagt der Autor Joel Ohasan aus Leipa (rrV^n bsv1!) gleich im Anfang: Sie singen grob und klar, Sie seinen gaurem (verursachen) schlechte Jahr. Sie stecken den Daumen in dem kone (Gurgel), Sie werden schwarz as wie die lewone (Mond). Der „Baß" steUt^sich auf die Seiten, Er macht, as im bb"l" (in der Welt) kummen schlechte Zeiten, Er macht auf sein Maul as einer könnt arein reiten, Man hört ihm vun Weiten." Sollt er nit angegart (=umgürtet) sein wenn er thut singen, SöUten ihm seine Gedärm und .... arausspringen. Auf der linke Seit stellt sich der „jSinger", Er steckt sich in Hals den Finger. Er schreit nach und vor, Er ort kein Wort das ganze Johr." In Maul hat er süße Sachen, Er saugt, as wie ein seigedig (= saugendes) Kind thut machen. Sie gedenken nit an ä"5TB> (die künftige Welt) vor allen Sachen, Sie thun alle Tag ÜT (Feiertag) machen." Nach solchen Anklagen aber verteidigt der Autor dann auch seine Fachgenossen.5) *) Der gantz Jüdisch Glaub, Frankf. a. M. 1544. R. II. *) A. a. 0. S. 3. 3) Md. Volksblatt 1853. Nr. 1 und 2. 4) Vgl Ateret Zekenim § 97. 5) Gef. Mitteilung des Herrn Oberkantor Ed. Birnbaum.