Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 2 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 59 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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— 59 — Orte selbst sein müßten und daß fremde im Lande herumziehende Prediger und „Schulsinger" nicht geduldet, sondern als Landstreicher behandelt werden sollten.1) Größere Gemeinden hatten schon früher manchmal einen ständigen Chor, wie z. B. im Beginn des 17. Jahrhunderts in Frankfurt am Main. Dies geht aus dem uns vorliegenden, wohl nur mit Vorsicht aufzunehmenden Bericht des Apostaten Dietr. Schwabe2) hervor: Vn zwar in gemelter Reichsstatt Franckfurt | gibts einen sondern wunder vnd lust die Judische Musicanten zu sehen vnd anzuhören, wann sie ihre Synagog- Music vben, dieweil sonderliche darzu, daß sie jhn den Eeyen führen, verordnet vnd deputiert seyn, als nemblich Nathan Schnapper ein Lamer, vnd Schel Isaac ein Einäugiger7 Blinder Rabbi Jacob ein Keinäugiger, der taube Enos des Gehörs beraubt: Es gehet allhie zu wie man im gemeinen Sprüchwort sagt: Wie der Wirth ist, also bescheret auch Gott die Gast. Diese führen ihn den Chor zu aller höhe, Spectatum admissi risum teneatis amici, etc. Ist wunder, daß sie nit auff die Meß daselbst ein Speetacul anstelle, Gelt (deßen sie doch gar begierig seynd) damit zu gewinnen. Wie auch im gleichen fall vor etlichen Jahren allhie zu Paderborn der begleiter Jucl Michael Wallig, als ihr verordneter Baroch Scheomarsänger, mit hülff seines Bruders Jacobs, hat meisterlich damit prangen, vnd die Stimm nit anders als der Polypus sein Färb mutieren können, aber dieweil er den numeris vn Epicureis, insonderheit auch bey dem kühlen Wein außgewartet, vnd daher die Arithmeticos in acceptis et expensis nit genug in acht genommen, hat er ein Zeitlang den Vagant gesungen, vnd zwar denselben so weit herumb geführt, daß man ihn wiederum!) zu kehren, mit Reutern vnd Knechten hat holen müssen, wie dann solches jedermann dieses Orts wissend vnd bekant ist. . ." Hundert Jahre später (1717) weiß Sehudt3) aus Frankfurt von den Meschorerim nichts zu berichten, er sagt nur von dem dortigen Chasan: „Das meiste Oren oder Beten in der Schule verrichtet im Nahmen aller der in der Sing-Kunst im allergeringsten nicht erfahrene Chaßan oder Vor-Singer, der stehet bey den Aron hakkodesch (Heil. Schranck), kehret den Kopff rückwärts, thut die Daumen in die Ohren, und schreyet was er mit vollem Halß kan und vermag: etliches spricht er gar geschwind, etliches langsam, ja wenn es ihm ankommt, dehnet er das einige Wort Echad, in einiger, im Krischma oder der pericope Audi, eine gantze lange Stund hinaus, und geberdet sich nicht änderst, als wenn er außer sich selbst wäre: bißweilen weint er, biß weilen lacht er, biß weilen setzet er sich auff die Staffeln des Aron hakkodesch." Dieses Dehnen beim Singen, von dem Schudt hier spricht, kam besonders bei dem Gebet *) A. a. 0. IV. S. 346. 2) Jon. Fr. v. Herrmann, Gesch. d. Israeliten in Böhmen. S. 82f. 5) Jüdischer Deckmantel. 1719. S. 73 f. (Die erste Ausgabe erschien Paderborn 1614.)