Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 2 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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— 58 — wohl auch, daß sich an Sonnabenden oder an Feiertagen ein fremder Sänger mit seiner Truppe in der großen Synagoge hören ließ. Das war nun ein hoher Genuß, dessen man sich nicht genug erfreuen konnte. Diesen Sängern, die aus Russisch Polen kamen, ging nicht selten ein großer Ruf voraus. Man sprach von ihnen wie von einem Lablache, Mario oder Tamberlick. Sie kamen niemals allein, sondern immer in Begleituug eines Bassisten, eines oder mehrerer Tenoristen mit Falsettstimmen und einiger Knaben. Es war also ein Chor. Bei gewissen Abteilungen des Gottesdienstes stieg ein solcher Bravoursänger auf das Almemor, auf die Estrade nämlich, die sich in der Mitte des Tempels befindet und wo die Thora verlesen wird,;|und sang nun die Soli mit allerlei fein gekräuselten Fiorituren, lieblich gesponnenen Koloraturen, süß geflöteten Trillern und ohrenkitzelnden Kadenzen ab, worauf dann die Ensemblestücke folgten. Die überfüllte Synagoge war an solchen Tagen gleichsam in ein Odeon verwandelt. Daß diese Sänger durch keine Kunstmethode glänzten, braucht nicht erst bemerkt zu werden. Sie sangen Opernarien, die sie Gott weiß wo aufgeschnappt hatten, oder slavische Vqlksmelodien, ja sogar eigne Kompositionen; denn obgleich diese Leute keine gründliche musikalische Bildung besaßen, hatten sie doch, wie die meisten Juden, ein angeborenes lyrisches Talent. Fast jeder Jude hat mehr oder minder musikalischen Sinn, und es ist durchaus kein bloßer Zufall, daß so viele Kompositeure und, man darf sagen, die meisten ausübenden Künstler unserer Zeit von jüdischer Abstammung sind. Wer einen solchen Sänger bei Tische hatte, war mit keinem geringen Stolz erfüllt und durfte auf zahlreichen Besuch zum Dessert rechnen. Beim Nachtisch ließ nämlich der Gast mehrere Lieder hören. Seine Begleiter genossen ebenfalls die Gastfreundschaft in angesehenen Häusern und gaben das Vorzüglichste aus ihrem Repertoire zum besten. Wie Arion „von Tarents Gestaden" verließen diese Sänger reichlich beschenkt die Stadt, um in einer anderen großen Gemeinde Geld und Lorbeeren zu ernten. Zwei Namen der berühmtesten unter diesen Sängern sind mir im Gedächtnis geblieben, Kaschten1) und Meierle Jurberg. Die Dilettanten sprachen von ihnen mit der feurigsten Begeisterung und in der Überzeugung, daß die folgenden Geschlechter keine solche Meister hören würden; dabei trillerten sie die Melodien nach, die sie von denselben gehört." Doch wurde das virtuosenhafte Gebahren dieser wandernden Sänger manchmal als die Andacht im Gottehaus störend empfunden und — wie dies gerade in Lissa 1787 der Fall war — durch Rabbinatsbeschluß deren ferneres Auftreten verboten, freilich nur um schon im nächsten Jahr „in wenigen Fällen" wieder erlaubt zu werden. Es kam aber auch vor, daß diesen wandernden Sängern das Auftreten behördlich untersagt wurde, wie dies in Böhmen der Fall war durch eine Verordnung; Franz IT., die bestimmte, daß die „Schulsinger" der Schames und andere Unterdiener aus dem x) Lewin, Gesch. d. Juden in Lissa. S. 124.