Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 2 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 46 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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— 46 — Rußland gesungen werden. Viele andere sind nie veröffentlicht worden, denn Zunser ist ein Dichter, der dichtet wie er atmet, bei dem jedes Gefühl, jeder Gedanke einen poetischen Ausdruck gewinnt, und der nur zufällig einmal etwas davon in Erinnerung behält." Die Derascha, die, wie wir eben gesehen, in Rußland der Badchen dem Brautpaare beim Mahle hielt, wurde in Deutschland vom Rabbiner ebenfalls während des Mahles gehalten, und erst später der Trauungszeremonie selbst angegliedert. In Polen gibt es aber noch eine etwas tiefer stehende Spezies von Possenreißern „Choisek" genannt, die ebenfalls bei allen festlichen Veranstaltungen erscheinen, und einigermaßen an die orientalischen Volkserzähler erinnern. Die ihnen zugeschriebenen Schwänke wurden in neuerer Zeit von Lewitan, Lew und a. gesammelt und sind heute Gemeingut des Volkes geworden. Namentlich dreien: Fro'im Graidiger, Hersehek aus Ostropol und Motka Chabat schreibt man die besten Schwänke zu. Fro'im Graidiger1) ist eine legendäre Persönlichkeit, von der nicht sicher bekannt ist, ob und wann sie gelebt hat. Von Hersehek aber weiß man, daß er eine Zeitlang Schlächter war. Für seinen kaustischen Witz gibt Dr. B. W. Löwenberg2) folgende Probe: „Hersehek erzählte dem Rabbiner Reb Boruch so ein Ereignis: „Heute früh komme ich aus dem Hause. Unterwegs begegnet mir der Engel des Bösen und fragt mich, wie ich mich befinde. „Schlecht", antworte ich, „ich habe kein Geld, und der Sabbath naht." — „Geh", sagt mir der Engel, „zum Rabbiner, stiehl ihm einen silbernen Leuchter oder Löffel, und was Du dafür als Erlös erhältst, wird genügen, daß Du die Sabbathausgaben bestreitest." Ich gehe weiter, da begegnet mir der Engel der Guten; der fragt mich auch nach meinem Befinden. Ich erzähle ihm, wie schlimm es mir geht — und was mir der Engel des Bösen geraten hat. „Bei Gott, versündige Dich nicht!" ruft er aus. — „Ja, aber ich möchte nicht Hungers sterben." — Nun, nun, Du wirst Dir doch Rat schaffen, wende Dich übrigens persönlich an den Rabbiner." — „Wenn Du so freundlich bist, so tue Du es für mich..." — „Ja", antwortete der Engel des Guten, „ich würde es von Herzen gern tun; aber siehst Du, ich habe bis jetzt noch niemals die Schwelle des Rabbinerhauses übertreten____" Diese „Choiseks" spielen eine bedeutende Rolle in der Volksliteratur, und verdienten wohl, daß man sieh auch mit ihrer Persönlichkeit mehr beschäftigte, als dies bisher der Fall gewesen. Allerdings wird dann vielleicht der eine oder der andere nicht gerade in die günstigste Beleuchtung rücken. Seinem Wahlspruch: „Nur ehrlich!" machte z. B. Mordche Unglück leider nicht immer Ehre, und er war nicht bloss als Marschalik berühmt, sondern gleichzeitig als Roßtäuscher T1) Mitt. z. jüd. Volksk. I. S. 67.] *) Jüd. Volkswitzbolde in Polen. (Ällg. Zeit, d. Judtnt. 1902. S. 33f.)