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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 2 (1909) · p. Seite 45

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
2 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 45 (sequence 13)
Language
German
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— 45 — Schulter geschlagen, mit einem eignen Spruch die Hochzeitsgäste einlud und nicht vergaß, hinzuzufügen, daß jeder Gast Messer und Gabel selbst mitzubringen habe. Er deckte die Tafel, trug die Speisen auf..... Wo es eine Schelmerei aufzuführen galt, da war ihm nichts heilig. Manchmal ward er auch als Bassist in Anspruch genommen, und zwar von Dilettanten-Vorbetern, die als Berufskantoren zu gelten glaubten, wenn sie sich „zuhalten" (kantoral begleiten) ließen. Und da stand er einmal am Jörn Kippur an der Seite eines solchen Vorbeters und — schnitt Grimassen. Die Keduscha, ein lang und sorgfältig eingeübtes Stück — ans welcher Oper die Melodie stammte, ist mir nicht erinnerlich — sollte der Glanzpunkt des Tages sein. Da führte der Kobold den Vorbeter richtig dahin, daß das „Kudausch, kudausch, kudausch" in die Melodie — der „Pinzgauer" ausklang —, worauf der Schelm zum Publikum gewendet, schmunzelnd seine schönste Grimasse schnitt." Bis heute aber blüht die Institution der Badchanim noch in den Ländern des Ostens und namentlich in Rußland; doch nicht ohne daß dort in der Neuzeit eine Wandlung mit ihnen vorgegangen wäre. Denn wenn sie auch schon früher oft ihre Einfälle in ungelenken Keimen vorgebracht hatten, so machte doch erst die allmähliche Neubelebung der hebräischen Dichtkunst im 19. Jahrhundert aus ihnen wirkliehe, wenn auch nur untergeordnete Dichter. Hauptsächlich war es Eliakim Zunser, der die neuen Formen der Dichtkunst eines Ehrenkranz und eines Broder auch auf die Produktionen der Possenreißer anwandte und den Gebrauch einführte, seine oder auch anderer Dichtungen singend vorzutragen. So wurde Zunser der Begründer einer neuen Schule von Badchanim, und heute verlangt man von ihnen, daß sie ebensogute Sänger als witzige Köpfe seien.1) Zunser lebt gegenwärtig in Newyork und hat den Beruf eines Badchen mit dem eines Druckers vertauscht, trotzdem er in ersterem sich eines so großen Rufes erfreute, daß er jeden Tag bei einer oder zwei Hochzeiten erseheinen mußte und dadurch ein bedeutendes Einkommen hatte. Hutchins Hapgood2) sagt von ihm: „Sein Amt bei den Hochzeitsfesten war es, zuerst Braut und Bräutigam anzureden, so feierlich ernst, daß sie zu Tränen gerührt wurden, und dann die Gäste mit Possen zu unterhalten. Er komponierte die Musik und verfaßte die Verse, beides ex tempore. Wenn er sein Haus verließ, um zu einer Hochzeit zu gehen, hatte er noch keine Idee davon, was er sagen sollte. Er überließ dies den Eingebungen, die ihm eine flüchtige Unterredung mit den Gästen und Verwandten des Paares vor der Feier verschaffen mußte. Zunsers Hochzeitsdichtungen (sie sind wie alles was er schreibt „yiddisch") sterben ebensoschnell als sie geboren werden; trotzdem gibt es fünfundsechzig Sammlungen seiner Gedichte, von denen hunderte jeden Tag von jung und alt durch ganz *) Jew. Encyel. II. S. 427. *) The spirit of the Ghetto. Newyork u. London 1902. S. 92.

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