Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 2 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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— 44 — Feiertagskleider vor diesem Attentat bewahrt blieben. Das war ein echter Purimscherz — für Hnnsdorf. Dieser Hunior verließ Berl Baß auch in den schwersten Stunden nicht. Einmal war seine Frau bedenklich krank, so daß man sogar aus Kesmark, einer drei Kilometer entfernten Stadt, Ärzte holen mußte. Die Ärzte untersuchten die Frau und konstatierten eine sogenannte „Mott". (Inneres Geschwür — im Jargon aber auch Kleidermotte.) Das hörte unser Berl und sagte: „Sie entschuldigen schon, meine Herrn Doktoren! Ich verstehe von Medizin nichts, aber was Sie da sagen, kann nicht sein; eine Mott kann sie nicht haben." Verblüfft schauten ihn die Ärzte an. „Warum nicht?" „Nun darum nicht, weil ich sie regelmäßig alle 14 Tage ausklopfe." Berl Baß war ein Universalgenie, ein Mann für alles. Bei der Gemeinde war er als „Liberer" angestellt. (Woher das Wort stammt, weiß bisher niemand.1) „Liberer" ist ein Organ, das die Agenden der Leichenbestattung versieht. Als solcher war er auch Friedhofwächter. Eines Tages — er war eben nicht bei Kasse — kam er zum Rabbiner mit verzerrten Zügen und Zähneklappern und meldete die Schauermär, daß er in der Nacht auf dem alten „Gutort" (jüdischer Friedhof),* der am Ufer des Pobradflusses liegt, Jammern und Wehklagen aus den Gräbern heraus gehört habe. Er fragte: „Ihr toten Gebeine, warum jammert ihr so sehr?" Und hohl und dumpf kam die Autwort: „Siehst du nicht, wie der anschwellende Fluß unsere Gräber unterwäscht und unsere Gebeine wegzuschwemmen droht? Helft uns!" Auf diese Kunde hin ließ der Rabbiner den Vorstand der Gemeinde und der Chewra-Kadischa zusammenrufen, und man beschloß, zehn Talmudisten auf den Friedhof zu schicken, die an den Gräbern beten und die Toten um Verzeihung bitten sollen; ferner sollen die bedrohten Leichen exhumiert und auf den neuen Friedhof übertrafen werden. Mit der Ausführung dieses Beschlusses, resp. der Überwachung der Exhumierung und Beerdigung wurde natürlich der „Liberer" betraut, und zwar gegen eine besondere Entlohnung per Tag. Daß die Beerdigung der Leichen nicht so rasch von Statten ging — dafür sorgte schon Berl Baß. Er war aber auch Inhaber der „Schlafstatt" oder „Hekdesch", so wurde das Asyl für obdachlose durchreisende jüdische Bettler genannt. Der jüdische Geist der Liebe nennt diese: „Orchim" Gäste. Mit diesen „Gästen" machte Berl Baß oft Geschäfte, die das Licht zu scheuen hatten; aber — der Arme hatte sieben kleine Kinder. Außerdem reparierte er Kegen- und Sonnenschirme, war Fleckputzer, Haar- und Hühneraugenschneider und verkaufte Aurum pigmentum, mit Kalk gemengt und gekocht, das rituell erlaubte Mittel zum Basieren des Bartes. Vor allem aber war er „Sarver", vom französischen Serveur, Hochzeitskellner, dessen Funktionen darin bestanden, daß er eine weiße (?) Schürze anlegte, ein ebenso weißes Handtuch malerisch über die l1) Liberey (im XVII. Jahrb.) Livree, Liberer Lakai, Diener. Gr.]