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Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde · 1909-01-01 · 2 (1909) · p. Seite 41

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Journal
Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
Volume
12 (1909)
Issue
2 (1909)
Date
1909-01-01
Page
Seite 41 (sequence 9)
Language
German
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— 41 — blicke unsichtbar gemacht hatte, erschien er wieder als Türke verkleidet, sitzend in einem Backtrog, der die Stelle eines Wagens vertreten sollte, nachher nahm er den Namen eines jeden der Anwesenden, so seltsam er auch klingen mochte, und brachte auf denselben aus dem Stegreife einen Keim, der die allgemeine Lachlust erregte. Seligmann war ein Possenreißer zum eigenen Vergnügen, der die Gäste gratis unterhielt und bloß wegen des Vergnügens, sie unterhalten zu können. An jenem anderen Ende des Tisches befand sich ein besoldeter Lustigmacher, den man bei allen Festlichkeiten aus der alten Hauptstadt des Elsaß, seinem gewöhnlichen Aufenthaltsorte, holen ließ. Diese Persönlichkeit war keine andere als der kleine Leo, gewöhnlich genannt „Löbesche der Possenmacher". Er machte verschiedene Taschenspielerkünste, zerschmolz Fünf franken stücke wie Wachs beim Glänze der Kerzen und stellte sie wieder her; er machte mit Taschentüchern und Halsbinden tausend unentwirrbare Knoten, welche er mit erstaunender Leichtigkeit auflöste; er spielte mit Bechern, eskamotierte Ringe und Uhrketten, welche man in den Schuhen oder den Taschen der Nachbarn wiederfand. Er führte endlich auch komische Szenen auf, in welchen er sich selbst mit einer unerschöpflichen Beredsamkeit antwortete."1) In Prag finden wir schon verhältnismäßig* früh Spuren von Marschaliks, da wir ja wohl mit Sicherheit in „Simon Narr", der in einem im böhmischen Statthaltereiarchiv aufbewahrten Verzeichnis der Prager Juden vom Jahre 1546 aufgeführt wird, einen solchen sehen dürfen. Weitere Prager Marschaliks lernen wir aber erst wieder im Beginn des 18. Jahrhunderts kennen, und es ist wiederum der früher bereits erwähnte Festzug vom Jahre 1716 der uns diese Bekanntschaft vermittelt. In dessen Beschreibung2) lesen wir: „Wolff Nestler, der Kahalsnarr ist kommen zureiten, hat Flitterger auff gehat, wie auch rothen Schleyer, als wie die Weiber in Prag gehen, und ein blauen Mantel vom Halß geknüpft biß über dem gantzen Pferd, und das gantze Kleid ist behangen gewesen mit eitel Hörndlich (Prager Gebäck), und so von sich gessen, und darauif auff die Post geblasen." Weiter in dem Zug „wäre zu sehen ein halb-gescheut und halb-närrischer Jud, welcher vom Kopff bis zu denen Füßen halb mit Harlequin- und halb gescheut sauberen Kieydern auffgeputzter, eine Stangen der Quar in der Hand haltend daher tratte, umb denen nachfolgenden Platz zu machen. Zwey gantze Narren Mann- und Weibsbild, in schwartz Sammet — mit Gold — verbrämter schöner Kleidung, so vor dem a) Der Name eines umherziehenden jüd. Taschenspielers Samuel Lebl ist uns dadurch bekannt geworden, daß er am 8. Juli 1788 in Komorn mit seinen jüd. Wirtsleuten wegen Verdachts an 4 Kindern Ritualmord begangen zu haben verhaftet und bis zu der am 10. Dezember desselben Jahres stattfindenden Verhandlung in Haft behalten wurde. Die eigene Mutter der Kinder stellte sich als die Mörderin heraus! — Andere jüd. Taschenspieler (Jacobs und Manodoch) bei Luc. Wolf und Young 233. a) Schudt a. a. 0. IV. 3. S. 144, 168 u. 171.

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