Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Journal
- Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde
- Volume
- 12 (1909)
- Issue
- 2 (1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2638044-2638058-2638060--0747-2638760- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 40 - Fahrende Leute bei den Juden. Von Albert Wolf ges. And. Aus dem Nachlaß des Verfassers auf Wunsch der Witwe herausgegeben von Dr. M. Grunwald. (Fortsetzung.) Aus ziemlich der gleichen Zeit, welcher der eben besprochene Märkisch-Friedlandische Marsch alik angehört, lernen wir auch durch Kaiisch (a. a, 0. S. 142f.) einen Lissaer Marschalik kennen. „Eine sehr erwähnenswerte Figur1 heißt es dort, „war der Marschellck. Diesen wahrscheinlich aus Narrenschalk zusammengesetzten und corrumpierten Titel führte der Lustigmacher, der bei fröhlichen Festen sich hervortat. Er vertrat das Amt eines Pritschenmeisters oder Spruchsprechers und genoß wie dieser das Privilegium, selbst den höchsten Spitzen der Gemeinde und sogar den Eabbinern die derbsten Wahrheiten zu sagen. Es versteht sich indessen von selbst, daß diese in ein humoristisches Gewand gekleidet sein mußten, die nackte Wahrheit ist niemals und nirgendwo angesehen, am wenigsten aber bei Festschmäusen. Sein Amt war nicht so leicht. Er mußte imponieren, jeden Angriff stets geistreich abwehren, sehr bibelfest und auch im Talmud gut beschlagen sein. Die Marschelleks waren gewöhnlich verdorbene Genies, die trotz aller natürlichen Begabung sich keine geachtete Stellung in der Gemeinde zu erringen vermochten. Man sah sie gern bei lustigen Gelegenheiten und ergötzte sich an ihren Späßen; sonst aber wurden sie, wie alle Witzbolde, von oben herunter angesehen."____ „Als einer dieser Marschalleks bei einem Hochzeitsfest eine komische Rede hielt und dieselbe mit Sprüchen und Sentenzen aus der Bibel, dem Talmud und Midraschim würzte, sagte ihm der Rabbiner, erstaunt über diese Gelehrsamkeit und zugleich betrübt über den Gebrauch, den der Schalk davon machte: „Es ist doch schade, daß sich ein so vortrefflicher Wein in einem so schlechten Fasse befindet." „Rabbi" erwiderte der Narr boshaft, „besser in einem schlechten Faß ein guter Wein, als ein schlechter Wein in einem guten Faß." Wohl am längsten in ganz Deutschland dürften sich die Marschaliks vermutlich im Elsaß erhalten haben, da wir dort von solchen noch im Jahre 1857 hören, indem Strauben, der damals einem jüdischen Hochzeitsfest in Winzenheim beiwohnte, darüber berichtet (a. a. 0. S. 144f.): „Ziemlich entfernt von dem Lehrer und fast am Ende des Tisches dehnte sich in aller Breite auf seinem Sessel ein lustiger Rotkopf mit boshaftem und schlauem Gesichtsausdruck; es war dies Seligmann, der Lustigmacher des Ortes. Nachdem er auf dem Tische mit zwei Gabeln gleichsam wie mit Stäbchen getrommelt hatte, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ahmte er alle excentrischen Personen des Dorfes und der Umgegend täuschend nach und nachdem er sich einige Augen-